Der wohl von niemandem der Geschichtsfeindschaft und des Obskurantismus verdächtigte Hans Jonas hat einmal geschrieben, nichts rechtfertige "den Aberglauben, daß der Mensch, um Mensch zu sein, Geschichte haben muß". Und sicher ist auch der Umkehrschluß bedenkenswert, daß ein von seiner Geschichtlichkeit mit Haut und Haaren vereinnahmtes, also geschichtsverhextes Subjekt nicht mehr zu sich selbst kommen kann.

Ein Fluchtpunkt, ein Jenseits, eine Ausstiegsmöglichkeit aus dem Totalitarismus der Ereignisse gehört demnach zu den Unverzichtbarkeiten unserer Existenz. Klaus Luttringer, der uns in "Die Bildung und ihr Narr" (1989) "kühle Immunität" gegenüber dem neuzeitlichen Wissensdünkel anempfiehlt, hat es in seinem neuen Buch unternommen, uns auch in das angestammte Recht auf (temporäre) Geschichtslosigkeit wieder einzusetzen (Weit, weit... Arkadien. Über die Sehnsucht nach dem anderen Leben; Bollmann Verlag, Düsseldorf 1992; 191 S., 32,– DM) Den Freiraum, den wir zurückgewinnen müssen, nennt er Arkadien. Und sein Essay ist Reisebericht und Reiseführer zugleich.

Für Leser, die das Aktionsfeld unserer Tätlichkeiten zum ersten Mal hinter sich lassen, ist die Lektüre – wie aller Anfang, aller Aufbruch – nicht leicht. Luttringer denkt unkonventionell, querfeldein, paradox. Er ist Zeitgenosse und zugleich Eingeborener einer ganz anderen Geisteswelt, Philosoph und Schamane. Im Gegensatz zu den Scharlatanen des New Age verramscht und verhökert er kein Heil. Sein Arkadien bleibt Nirgendort, Zielkoordinate einer "klugen Sehnsucht, die sich von keinerlei Hoffnung auf Erfüllung veralbern läßt".

Wer mitreist durch diese außergewöhnlichen Meditationen eines ungläubigen Mystikers, entkommt, ohne anzukommen, taucht für kostbare Augenblicke auf aus dem Mahlstrom des Fortschritts, ohne an neue Ufer geworfen zu werden, beginnt, etwas von der Tragfähigkeit dessen zu ahnen, was Rationalität "nichtsnutzig" nennt. Und er hat am Ende vielleicht sogar gelernt, sich mit jenem Wetterleuchten und Irrlichtern zu bescheiden, das keine Aufklärung aus der Welt strahlen kann: "Jenseits aller Geschichte und jenseits der Sehnsucht nach ihrer Überwindung liegt die Zone der stehengebliebenen Zeit, in der ein Letztes aufbewahrt ist: Arkadiens kraftvolle Resignation und die fremde Freude, die aus ihr wächst. Mitten im Lärm des Falschen können wir beidem nah sein; und werden sehen, wenn wir ihm näherkommen wollen, um es zu fassen als Sinn, als Grund, als Hoffnung, wie es sich verflüchtigt ins Unfaßbare." So bietet einzig die verlorene Idylle Zuflucht, nur aus den Augenwinkeln erhaschen wir die Schemen des Glücks.

Ulrich Horstmann