Von Hanns-Bruno Kammertöns

Der Bahnhof von Winsen an der Luhe ist schnell beschrieben. Hinweisschilder aus Email, rostigbraun geworden im Laufe der Zeit, verwittertes Gemäuer um einen Wartesaal, in dem man nicht warten möchte. Davor, wie in tausend anderen Städten auch, die Bahnhofstraße. Dort, wo die beiden Taxen stehen, macht sie zunächst einen kleinen Bogen, dann führt sie schnurgerade in das Zentrum von Winsen. Ein Café, ein Waffengeschäft, dann die ersten Juweliere, Banken, Kaufhäuser und ganz hinten das von Fachwerk umstellte Rathaus.

Wer den Weg zu Fuß geht, braucht knapp eine Viertelstunde. Was er dabei zu sehen bekommt, findet sich auch in anderen deutschen Städten. In der Winsener Bahnhofstraße wurde es gleich am Eingang der Stadt auf den Gehweg geschmiert: „Ausländer raus“.

Winsen an der Luhe, eine Stadt mit 28 000 Einwohnern, knapp vierzig Kilometer südöstlich von Hamburg gelegen, ist eine prosperierende Stadt. Der Siedlungsdruck sei enorm, sagt Christian Riech, der stellvertretende Stadtdirektor, mit den Bauanträgen komme die Behörde kaum noch nach. Mehr und mehr Menschen, die in Hamburg arbeiten, wohnen jetzt in Winsen. Aber es kommen nicht nur Menschen aus Hamburg. Andere kommen aus Ghana, aus Liberia, aus Rumänien und Afghanistan.

Stadtdirektor Riech leitet auch das Ordnungsamt. Auf seinem Schreibtisch im Rathaus stehen in rotem Einband die Gesetzesbücher mit den Verwaltungs- und Verfahrensvorschriften der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Niedersachsen. Er kann hineinsehen oder auch nicht, was mit den Asylbewerbern zu geschehen hat, steht ohnehin fest: Riech muß sie unterbringen.

360 Asylsuchende leben in Winsen. Sie wurden von den „Zasten“, den Zentralen Anlaufstellen in Braunschweig und Oldenburg, weitergeleitet. Ein Dienstweg von oben nach unten, am Ende markiert von einer Mitteilung per Telefax: „Dem Landkreis Harburg sind mit Schreiben der Bezirksregierung Lüneburg vom 6. 10. 92 erneut 218 Asylbewerber zur weiteren dezentralen Unterbringung zugewiesen worden. Sie werden gebeten, die Ihnen zugewiesenen Personen bis zum 8. 10. 92 bei der Ausländerbehörde abzurufen. Die o. g. Asylbewerber werden wie folgt verteilt: ... Stadt Winsen (Luhe) 36 Personen.“ Ein Schreiben („Eilt sehr!“), am Schluß mit dem Hinweis versehen, daß Wünsche hinsichtlich „Nationalität, Religion, Geschlecht, Alter etc. der zu verteilenden Asylbewerber keine Berücksichtigung finden“.

Dem Ordnungsamtsleiter darf attestiert werden, daß er seine Aufgabe weitgehend emotionslos verrichtet. Während Riech das Telefax zurück in einen Aktenordner befördert, beklagt er „die unregelmäßigen Abstände“, in denen solche Mittellungen auf ihn zukämen. „Faktische Probleme“ seien natürlicherweise die Folge.