Von Michael Thumann

Prizren, Kosovo

Ein Pferdefuhrwerk rumpelt den Berg hinunter. Nach einer letzten Serpentine hat der albanische Bauer auf dem Kutschbock das rote Dächermeer von Prizren vor sich. Die Minarette der Moscheen wechseln sich mit den Kuppeln der orthodoxen Kirchen ab. Hoch über der Stadt thront eine alte türkische Festung. Die Herren von Prizren sind heute andere, aber die Methoden der Herrschaft die gleichen. Am Ortseingang wird die Ladung des Pferdefuhrwerks von der Polizei durchsucht, der Bauer ins Kreuzverhör genommen. Serbische Miliz patrouilliert auf Prizrens Straßen, die Maschinenpistole baumelt locker am Arm. An den Häuserecken stehen Geheimpolizisten in Zivil mit Funkgeräten, die jede falsche Bewegung der Albaner weitermelden.

Der Kosovo lebt im permanenten Ausnahmezustand. In den Behörden der Provinzhauptstadt Priština arbeiten keine Albaner mehr, die Serben regieren gegen 82 Prozent der Bevölkerung. Vor drei Jahren ließ der serbische Präsident Slobodan Milošević eine ungeliebte Erbschaft der Tito-Zeit beseitigen: Die Autonomie des Kosovo innerhalb Serbiens. Parlament und Regierung des Kosovo wurden entmachtet. Seit 1990 verloren über 100 000 Albaner ihre Arbeit, die Leitung der Fabriken übernahmen Serben. Die Herren aus Belgrad lösten die Akademie der Wissenschaften des Kosovo auf, verboten Schulunterricht und Universitätslehre in albanischer Sprache.

Prompt erklärten sich die Albaner für unabhängig. Trotz serbischer Behinderung hielten sie Wahlen im Kosovo ab. Ihr Präsident ist der Schriftsteller Ibrahim Rugova; seine Partei, die in einer Baracke neben dem Fußballstadion von Priština residiert, hat im Parlament eine Dreiviertelmehrheit. Den Zusammentritt der albanischen Abgeordneten freilich wußte die serbische Miliz bisher zu verhindern. Eine albanische Volksvertretung ist für Belgrad ebenso unannehmbar wie eine unabhängige Presse. Albanische Fernseh- und Radiostationen mußten schließen, die Serben ließen die größte Tageszeitung Rilindja ("Wiedergeburt") eingehen.

Der Name der Zeitung steht noch an einem Kiosk in Prizren, aber verkauft wird dort vor allem die serbische Borba ("Kampf"). Vor der Bude bietet ein zwölfjähriger Junge Zigaretten an, einzeln oder als Packung. Ein anderer sitzt auf einem Holzschemel daneben und putzt einem Soldaten die Stiefel. Die Kinder verdienen mit für den Lebensunterhalt ihrer Familie, denn die Preise im Kosovo sind sehr hoch. Ein Liter Milch kostet zwei Mark, eine Zitrone zehn Mark, das Monatsgehalt liegt im Durchschnitt bei knapp hundert Mark. In der ärmsten Region des ehemaligen Jugoslawien sind die Kinder der einzige Reichtum – im Durchschnitt sind die Albaner im Kosovo 23 Jahre alt, hat jede Familie fünf Kinder.

Junge Serben in der Stadtmitte trifft man in größerer Zahl nur im orthodoxen Priesterseminar von Prizren. Durch seine hohen Mauern wirkt es wie eine Festung, abgeschottet gegen die albanische Umwelt. Die Priesterschüler stehen wie auf Befehl auf, wenn ein Fremder ihren Unterrichtsraum betritt. An der Wand hängt ein serbisches Kreuz, dessen Inschrift bedeutet: "Nur die Einheit rettet Serbien." Warum der Kosovo serbisch bleiben muß, erklärt der Rektor der Priesterschule, Erzpriester Timotijevic: "Jedes Volk hat Orte, die es sehr liebt. Die Serben haben ihre Klöster im Kosovo." Im Kloster Gračanica bei Priština etwa liegen die Gebeine des Zaren Lazar, der 1389 die Heerschar der Serben gegen die Türken anführte. Die Serben verloren, der Zar wurde ermordet, aber die Legende verklärte die Schlacht auf dem Amselfeld zum serbischen Heroenstück. Beschwörend hebt Timotijevic die Hände: "Im Kosovo haben damals keine Albaner gelebt."