Von Monika Frommel

Das Lebensrecht eines Kindes“, so der Erlanger Klinik-Direktor, enthalte „auch den Anspruch auf Einsatz moderner und technischer Hilfen“. Wäre der Satz zutreffend, dann hätten wir es nicht mit einem medizinischen Experiment zu tun, sondern mit einer neuen Herausforderung an das Prinzip „Lebensschutz“: Politik mit Mitteln der Medizin. Ich fürchte, der Satz ist so gemeint. Jedes Wort ist strategisch gesetzt. Die Benennung des künstlich am Leben gehaltenen Embryos als „Kind“ ebenso wie die Anspielung auf die Debatte um das „Lebensrecht“ einer Leibesfrucht. Rechtlich ist erst das geborene Kind eine Rechtsperson. Die Bewertung eines Embryos im toten Mutterleib ist juristisches und moralisches Neuland. Eine Lösung kann nur gefunden werden, wenn vorsichtig jeweils passende Regeln auf den neuen Fall übertragen werden. Dies setzt eine behutsame öffentliche Diskussion voraus, die nicht mit Leerformeln (Lebensschutz, Lebensrecht, pränatale versus postmortale Menschenwürde et cetera) zu bestreiten ist. Auch die Rede vom „Anspruch“ auf den Einsatz aller technisch möglichen Mittel ist äußerst mißverständlich. Wer weiß es besser als der Klinik-Direktor: Das Erlanger Experiment ist nur möglich, weil sich ein Kostenträger gefunden hat. Es gibt selbst im Einzugsgebiet dieser Klinik Kinder, denen aus Gründen knapper Ressourcen nicht optimal geholfen werden kann. Am Ende – wenn die Frage der moralischen und rechtlichen Legitimität (vorläufig) beantwortet ist – wird auch pragmatisch zu entscheiden sein, ob sich ein solcher Aufwand bei knappen Mitteln rechtfertigen läßt.

Am vordringlichsten erscheint mir die Frage nach der Entscheidungsbefugnis. Wer soll entscheiden, ob das Experiment fortgesetzt wird und mit welchen Risiken? Zu Lebzeiten kann niemand gegen den Willen der Schwangeren abtreiben oder „zwangsbehandeln“. Ist es sinnvoll, diese Entscheidungskompetenz (die eine umstrittene Abtreibungsgesetzgebung nur für den häufigen Spezialfall einer von der Schwangeren gewünschten Abtreibung einschränkt) im Falle ihres Todes ärztlicher Entscheidungsgewalt zu überantworten?

Ich sehe unter verantwortungsethischen Gesichtspunkten kein Argument für eine ärztliche • Fortsetzung nächste Seite

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Kompetenz. Denn die Ärzte tragen nicht die Verantwortung für die Folgen ihres Tuns. Wenn überhaupt, dann können nur die Personen entscheiden, die ihr Leben auf den immer riskanten Ausgang und die Freuden und Lasten der Versorgung des geborenen Kindes ausrichten. Aber auch dieser Gedanke kann nur unter Einschränkungen gelten, sonst kommt es zu einer Politik mit antizipierten Adoptionen. Es kommt also auf ein besonderes Näheverhältnis zur toten Frau an.

Im weltweit einzigen vergleichbaren Fall des heute vierjährigen Conally Hilliker war es der Vater, der damals die ärztliche Kunst wünschte. Im Erlanger Fall fehlt es an einer vergleichbaren Initiative der mittlerweile zur Sorge bereiten Großeltern. Die zitierten Äußerungen des Klinik-Direktors sind nicht vom Respekt für das Entscheidungsrecht der Betroffenen getragen. Wer vom „Lebensrecht Ungeborener“ spricht, unterstellt Mutterliebe als verfügbaren natürlichen Rohstoff und überträgt diese unbefangene patriarchalische Erwartung auf alle, die an die Stelle der Toten treten sollen (die Schwestern auf der Intensivstation und später die künftige Großmutter). Aber „Mutter- und Elternliebe“ sind kein Rohstoff und schon gar nicht unbegrenzt verfügbar. Positive Pflichten (im Unterschied zur negativen Pflicht, Schädigungen einer Leibesfrucht zu unterlassen) können nur autonom übernommen werden.