Von Gunter Hofmann

Bonn

Den Feiertagen zum Einzug in das neue Bonner Parlament ging der Trauerakt im Berliner Reichstag voraus, der Abschied von Willy Brandt an dem Ort, den er sich gewünscht hatte. Vor Augen hat man damit die beiden Pole, die sich noch einige Zeit gegenüberstehen werden: das Transitorium Bonn und das Endgültige in Berlin.

Wenn man Günter Behnischs lichte Demokratiehalle, die ausdrücklich zu keinerlei raschen Identifikationen einlädt, auch nur einigermaßen ernst nimmt, muß man auch den Gedanken zu Ende denken, wie sich das Parlament im Berliner Bundesreichstag ausnehmen wird. Die Wettbewerbseingaben der Architekten werden gerade gesichtet.

Zunächst einmal ist die Vorstellung, die überaus transparente Mitte (in Bonn) zugunsten des Reichstags (in Berlin) aufzugeben, der innen neu gestaltet, aber außen erhalten bleiben soll, ein ziemlicher Schock. Da prallt Unvereinbares hart aufeinander. Der unprätentiöse Bau Behnischs ist das genaue Gegenteil dessen, wofür der Wallotsche Reichstag in seiner ganzen Massivität steht, mit oder ohne Riesenkuppel. Auch keine äußerliche Geschichtscollage könnte das Monument so auflösen, daß sich dieser Eindruck verflüchtigt. Vor Augen hat man auf den ersten Blick eine gewaltige kulturelle Differenz, wenn man den Tatort der Politik, Bundestag und Reichstag, gegeneinander hält.

Gewiß muß man die Symbolwirkung nicht überbewerten. In dem Augenblick aber, in dem die Abgeordneten vom Wasserwerk hinüberziehen in Behnischs unordentliche Übersichtlichkeit, wird offenbar, wieviel in den vergangenen zwei Jahren versäumt oder falsch gemacht worden ist. Es war eben ein großer Fehler, daß über den Reichstag als Sitz des Parlaments fast ohne wirklich offene Debatte entschieden worden ist.

Wenn man aber meint, der Neubau drücke das gewachsene demokratische Selbstverständnis der Republik auf außergewöhnliche Weise aus, kann man sich nicht vorstellen, wie das ohne Folgen für die Reichstag-Debatte bleiben sollte. Mehr noch: Es wirkt einfach nicht ehrlich, wenn dieselben Bauherren, die das Bonner Parlament als grandiose Bühne der Demokratie preisen, es zugleich auch schon wieder abwickeln mit der Bemerkung, der Saal tauge auch vorzüglich für Vorlesungen.