Von Manfred Sack

Bonn

Schon langt man nach dem Wort Wunder, um das, was man nun leibhaftig sieht, tatsächlich als das Ergebnis eines zwanzig Jahre währenden, anfangs großspurigen und euphorischen, bald deprimierenden, von Skandalen geschüttelten Prozesses zu begreifen. Aber jetzt ist es geschafft. Das bedeutendste Bauwerk der Nation seit hundert Jahren ist vollendet. Es wird nun am Freitag, dem 30. Oktober, vom Deutschen Bundestag in Gebrauch genommen. Der komplizierteste, nörgeligste, desinteressierteste Bauherr, den man sich denken kann, zieht in das unbeschwerteste, offenherzigste, eleganteste Parlamentsgebäude der Welt ein, in den neuen Plenarsaal am Ufer des Rheins zu Bonn. Der Bau wird, möchte man hoffen, nicht nur als ein Meisterwerk der Architektur, sondern auch als eine Einladung an die Politiker verstanden werden, einen lebendigeren Umgang miteinander und einen geistreicheren Debattierstil zu entwickeln.

Zwanzig Jahre sind keine ungewöhnlich lange Zeit für eine Anstrengung dieser Art; denn Ziel war nicht bloß ein funktionierendes Gebäude, vielmehr eines mit Symbolkraft, in diesem Falle eines, das sich mit unserer Verfassung und unserem Gebrauch von Demokratie identifizieren läßt. Auch andere, vergleichbare Vorhaben brauchten lange. Der Bürgerausschuß von Siena etwa hatte sieben Jahre debattiert, um sich allein über den Bauplatz des Palazzo Pubblico schlüssig zu werden. Über andere Rathäuser wie die in Hamburg und Hannover verging mehr als doppelt soviel Zeit. Zwischen Grund- und Schlußstein des Deutschen Reichstages in Berlin lagen am Ende über zwei Jahrzehnte.

In Bonn wurde zunächst ein Versuch nach dem anderen erdrosselt. Im alten Bundestagsgebäude, einem in der Bonner Gegend einzigartigen Beispiel der weißen Bauhaus-Moderne, wurde 1950 der Architekt, der den intelligenten Um- und Ausbau besorgt und den neuen Plenarsaal entworfen hatte, gefeuert: Hans Schwippert, ein Moderner wie der junge Regierungsbaumeister Martin Witte, der das Gebäude 1933 für die Pädagogische Akademie errichtet hatte. Fortan regierte die Verwaltung allein. Ein Ausschuß hatte sich sogar zu der Forderung verstiegen, die Heranziehung freier Architekten ein für allemal zu untersagen. Es machte dann jeder, was er wollte – wie auch anders, da die Bundesbauverwaltung noch niemals ein brennendes Interesse an guter, geschweige denn exzeptioneller Architektur hatte erkennen lassen.

Die Ergebnisse dieser Gleichgültigkeit drängen sich überall in Bonn auf. Der Minister Ehmke paukte, ohne städtebauliche Vorlage, das Bundeskanzleramt durch; die Bundesbaudirektion errichtete nach fast heimlichen Vorbereitungen zwei kreuzförmige Ministerien; das Abgeordnetenhochhaus wurde von Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier durchgesetzt und 1969 als Fremdkörper in der lieblichen Rheinaue in Kauf genommen; die Bundesstraße 9, die das Regierungsviertel auf ihrem Weg von Bonn nach Bad Godesberg durchzieht, wurde so wild wie der Strip einer zu provinzieller Protzlust aufgelegten Goldgräberstadt ramponiert. Die Bauten der frühen fünfziger Jahre und die Kunst- und Museumsbauten unserer Tage ausgenommen, hat die Regierung niemals baukünstlerischen Willen gezeigt.

Und so ging es nach 1969 unlustig los. Erst hatte man am Ergebnis eines Städtebau-Wettbewerbes herumgedoktert, der das Regierungsviertel weitab vom alten Bonn an beiden Rheinufern zu einem „Tor zu Bonn“ türmen wollte. Dann erstickte ein Bauwettbewerb, der den vollständigen Neubau aller Parlaments-, Abgeordneten- und Fraktionsbauten südlich des „Langen Eugens“ in der Rheinaue zum Thema hatte, noch nach dem dritten Durchgang an der Entscheidungsunfähigkeit der Juroren. Die Zusammenarbeit der beiden „Sieger“ platzte schließlich. Nur der Stuttgarter Architekt Günter Behnisch und seine Leute ließen sich nicht entmutigen. Sie waren mit ihren Bauten für Olympia in München 1972 berühmt geworden, was sie wiederum in Bonn berüchtigt machte. Denn als einer, der sein Recht auch vor Gericht zu erstreiten wußte, galt Behnisch bei den Bonner Baubürokraten als schwierig.