Von Fredy Gsteiger

Das Gewissen hat eine tolle Aussicht. Von seinem Palast hoch über der libanesischen Stadt Jounieh aus kann der Patriarch der maronitischen Christen, das „Gewissen der Nation“, wie ihn immer mehr Leute nennen, ein schönes Stück Küste übersehen. Aus luftiger Höh’ sind die Zerstörungen nach sechzehn Jahren blutigen Bürgerkriegs unten im Dunst kaum auszumachen. Von Bkerké aus erscheint der Libanon so schön, wie er einst war.

Hier zirpen Grillen. Am Eingangstor schnarcht der Wächter. Er schläft in Unterhosen unter einem Moskitonetz. Eine von Pflanzen fast zugewucherte kitschigbunte Madonnenfigur steht unter der Eingangstreppe. Sollte je ein blasphemischer Regisseur den Aufstieg von der Hölle ins Paradies filmen wollen, die gewundene Straße hinauf nach Bkerké böte sich als Kulisse an.

Das Bild der Ruhe und Beschaulichkeit wird einzig angekratzt durch den steten Strom von Besuchern, die mit ernsten Mienen über den riesigen Vorplatz des Amtssitzes von Patriarch Nasrallah Sfeir eilen. Der Patriarch über die sechs Millionen Maroniten – eine Million im Libanon, fünf Millionen in alle Welt verstreut – ist seit kurzem auch politisch ein wichtiger Mann im Zedernstaat. Er ist einer der ganz wenigen, die für einen geeinten, freien Libanon eintreten, ohne im Verdacht zu stehen, im Grunde nur das eigene Vorankommen oder das des eigenen Clans im Sinn zu haben. Ehrliche und glaubwürdige Politiker sind rar in dem nach Jahren des Krieges durch und durch korrumpierten Land. So mußte halt der Patriarch Politiker werden.

Der 72jährige ist kein weltentrückter Kirchenfürst mit Neigung zu salbungsvoller Prosa vom Hirten und seiner Herde. Der kleine Mann in dem bis zu den Knöcheln reichenden Gewand strahlt stille Autorität aus. Michel Awit, sein Sekretär, macht in seinem Buch über die Maroniten („die Leute, die die Welt bewegen“) deutlich: „Wir waren immer eine Kirche, die politisch fest im Boden wurzelt, aber den Blick gen Himmel richtet.“

Gesucht hat der Patriarch mit der markanten Nase seine politische Rolle allerdings nicht. Maronitische Hitzköpfe warfen ihm des öfteren Zaudern vor. Er setzte seine Akzente bislang lieber diskret: Wenn er das Land verließ, flog er vom Beiruter Flughafen ab. Das war nicht selbstverständlich für den obersten Christen im Land in den Jahren, als gerade diese Gegend im Süden von Beirut als Hort der islamistischen Hisbollah und militanter Palästinenser galt. Die meisten Christen zogen es damals vor, über den Hafen Jounieh in „ihrem“ Teil des Libanon erst einmal nach Zypern überzusetzen. Gleichzeitig mahnte Sfeir blutrünstige Milizenführer seiner eigenen Religion zur Mäßigung. Die Schergen des unnachgiebigen Christengenerals Michel Aoun vergalten ihm die Kritik, indem sie ihn an seinem großen Goldkreuz durch den Palast von Bkerké schleiften. Nasrallah Sfeir – ein Feigling?

Zwei Ereignisse der jüngsten Zeit ließen ihn auf die politische Hauptbühne treten: zum einen die Parlamentswahl – es war die erste seit zwei Jahrzehnten, und sie fand unter strenger syrischer Aufsicht, im Südlibanon, wo die Israelis eine Vasallenarmee unterhalten, allerdings gar nicht statt. Zum anderen die Weigerung der Besatzer, in diesem Herbst, wie vereinbart, abzuziehen.