Von Elisabeth Johe

Wenn das Wetter gut ist, ist mein Pilot nicht da. Und wenn der Pilot da ist, ist das Wetter schlecht. Auf diese Weise kommen wir natürlich nie aufs Rad.“ Das war Rudis Stoßseufzer im Frühjahr, nachdem er sich gerade ein Tandem für uns beide gekauft hatte. Der Pilot bin nämlich ich, und Rudi ist blind.

Vor zwei Jahren sind mein Mann und ich umgezogen in ein kleines Dorf am Rand des Kreises Pinneberg. Wir haben uns damit einen über Jahre gehegten Wunsch erfüllt, und ich gedachte, mein Rentnerdasein mit Lesen und ein bißchen Gartenarbeit zu verbringen. Wie immer im Leben läuft auch hier alles völlig anders, als ich es geplant hatte: Ich lernte Rudi kennen, und er lernte mich kennen. Dies ist wichtig, denn Rudi suchte schon lange einen Piloten, der für ihn nicht leicht zu finden war: Zeit mußte der haben, Spaß an der Sache und Mut. Gerade den wollte mir mein Mann gleich nehmen mit der Warnung: „Du weißt doch gar nicht, was da alles passieren kann mit einem Blinden hinter dir auf dem Rad.“ Ich tat gut daran, nicht auf ihn zu hören, denn Rudi und ich sind das ideale Tandem.

Gerade weil Rudi blind ist, geht es so gut. Er geht gefühlig in die Kurven, hört nicht unsinnigerweise auf zu treten, wie manche Sehenden es tun, denen ich zu forsch über die Kreuzungen fahre, ist dankbar dafür, nicht vorne sitzen zu müssen, weil ich ihm den störenden Fahrtwind abfange, und nur manchmal beklagt er sich darüber, daß das Rad zu sehr „schwänzelt“. Ich verrate ihm dann aber nicht, daß ich Sorge habe, von einer dieser schmalen Spurbahnen in der Feldmark abzurutschen, denn ich bin sicher, er weiß genau, daß wir mal wieder die allerschmalste Sechzig-Zentimeter-Ausführung befahren. Ursprünglich hatte ich mir geschworen, sie nie zu benutzen mit diesem überlangen, schweren Trecker von einem Rad, aber es hilft mir nichts: Wenn Rudi diesen Weg entlangfahren will, muß es geschehen, denn es ist beileibe nicht so, daß ich mit Rudi spazierenfahre, nein, er fährt mit mir.

Er hat ein Ziel, das er erreichen will, er zeigt mir die Gegend, versucht, mein Interesse für die Landwirtschaft zu wecken, ich muß den Unterschied zwischen einer Scheibenegge und einem Drehheuer lernen, und er lehrt mich die Umgebung und die Menschen kennen – und die Natur. Obgleich er seit mehr als zehn Jahren nicht mehr sehen kann, kennt er noch immer Weg und Steg, auch in der weitesten Umgebung, und wenn es doch einmal vorkommt, daß er den Weg nicht auf Anhieb findet, steigen wir ab und bleiben stehen. Ich muß ihm genau erklären, was ich ringsumher sehe. Dann senkt er den Kopf und denkt so gewaltig nach, daß ich lieber den Mund halte, um ihn dabei nicht zu stören. Es dauert nicht lange, bis er genau weiß, wie der Weg weitergehen muß, und wir kommen dann auch sicher an.

Es läßt sich schön reden während einer Tandemfahrt, und wir sprechen viel miteinander. Ich fragte ihn, warum er nie ein solches Rad für sich und seine Frau angeschafft habe, und erfuhr, daß ihr Herz nicht gesund sei und sie weder richtig Spazierengehen noch radfahren könne. Von meinen anfänglichen Schwierigkeiten im Umgang mit ihm habe ich gesprochen, wie gehemmt ich war und wie verlegen hinterher, als ich einmal mit seiner Frau und ihm am Abend zusammenstand und begeistert von dem so schön durch die Bäume scheinenden Mond schwärmte. Er hat mir daraufhin einen Leitfaden für Sehende über den Umgang mit Blinden in die Hand gedrückt. Ich weiß nun, daß ich mein Vokabular nicht zu ändern brauche, daß ich sehr wohl „sieh mal her“ sagen darf oder ihm auch etwas zeigen kann, das er sich begucken soll. Er tut das dann auch – mit den Händen. Mit denen sieht er genausogut wie wir mit unseren Augen.

Ich bin auch nicht mehr so verklemmt; wenn wir einen gemeinsamen Weg haben, nehme ich trotz seines „Wegweisers“, das ist der praktische weiße Stock mit der harten Kugelspitze, seinen Arm oder seine Hand, weil es dann viel schneller geht. Ist er allein unterwegs, ertastet er sich mit dem Stock, der vor ihm im „Paßgang“ hin- und herschwingt und mit einem leisen Tack-Tack den Boden berührt, seinen Weg anhand eines „Leitdrahts“, wie er den Sandstreifen auf dem Bürgersteig oder andere Merkzeichen nennt, an denen er sich orientiert. Gefahr droht nur beim Gang über die Fahrbahn, wobei er schon mal die Richtung verlieren kann.