In der in diesem Sommer eröffneten Bundes-

kunsthalle in Bonn geht es üppig zu. Über zwanzig Millionen Mark Ausstellungsetat, so viel hat der Rest des Landes kaum insgesamt, dürfen jährlich ausgegeben werden. Wer so luxuriös wirtschaften kann, der kann sich auch teure Gäste leisten, zum Beispiel ein Museum. So ist jetzt, höher geht’s kaum im Reich der klassischen Moderne, das "Moma" zu Gast in Bonn, das legendäre Museum of Modern Art aus New York, dem nicht zufällig Picasso sein "Guernica" anvertraute, als er es vor dem Krieg in Europa und der spanischen Diktatur in Sicherheit bringen wollte. Als "Guernica", verabredungsgemäß, in das monarchisch demokratische Spanien zurückgebracht wurde, blieben dem Moma immer noch die "Demoiselles d’Avignon", ein Bild, das für die Geschichte der Kunst mindestens so wichtig ist wie "Guernica" für die Geschichte des Künstlerprotests.

Kirk Varnedoe, der Direktor des Moma, kann die 3,5 Millionen Mark, die er fürs Bonner Gastspiel kassiert, gut gebrauchen, denn die Matisse-Ausstellung, die sein Haus zur Zeit beherbergt, kostet vier Millionen Dollar. In der Bundeskunsthalle dürfen inzwischen die Besucher zwar nicht die "Demoiselles" bewundern, die haben Hausarrest, wohl aber siebzig andere Werke und Meisterwerke von Cézanne bis Rothko. Eine gute Gelegenheit für Menschen, die nicht nach New York reisen können oder mögen, manches bekannte Kunstwerk kennenzulernen. Aber auch derjenige, der das Museum in New York besucht hat, darf sich freuen, die "Abfahrt", Max Beckmanns wunderbares Triptychon, mal nicht als Wanddekoration vor dem WC, sondern als Bild unter Bildern zu sehen.

So weit, so teuer, so gut. So ungut, wenn man weiß, wie sehr Restauratoren seit Jahren gegen den Tourismus der Bilder kämpfen. "Das Kunstwerk als Tourist" hieß eine Sektion auf dem diesjährigen Internationalen Kunsthistorikerkongreß in Berlin. Aber was heißt hier Kunstwerk. Es reisen ja ganze Sammlungen, ganze Museen. Und das in einer Zeit, in der die Menschen so mobil und reisewütig sind wie nie zuvor.

Hier ist nicht die Rede von der Ausleihe eines Bildes von Caspar David Friedrich für die erste große Friedrich-Ausstellung in Spanien. Hier ist auch nicht die Rede von Gastauftritten vor dem Fall der Mauer, als die "Splendours of Dresden" auch für Westdeutsche eher in Amerika als in Dresden zu besichtigen waren. Und auch heute noch gibt es genug Fälle, in denen das Ausstellen entfernter oder fremder Schätze Sinn hat: für die, die etwas lernen wollen, wie für die, die sich besser verstanden fühlen dürfen.

Aber New York in Bonn? Nicht nur, weil die Ausstellung als "Die großen Sammlungen I" annonciert ist, darf man mit Fortsetzungen rechnen. Auch sonst scheinen Mega-Visiten im Trend zu liegen. Als ein Spezialist dieses Kunst-Versandhandels en gros empfiehlt sich seit geraumer Zeit Thomas Krens, seit 1988 Direktor des Guggenheim Museums in New York. Für Krens ist seine Sammlung (die er, wie jeder andere Museumsdirektor, nur in Teilen zeigen kann) eine flottierende Masse, die es gilt, möglichst ertragreich in Umlauf zu bringen, teils durch Gastauftritte, teils in Dependance-Bauten rund um die Welt.

Auch Kunstwerke haben einen Ort. Haben Nachbarn, Ober- und Untermieter, Licht- und Schattentage. Menschen entdecken diese Kunstwerke, schließen Freundschaft, brüten Feindseligkeit, erinnern sich, kommen wieder. Eine Geschichte, die jeder Museumsbesucher erlebt und die man in Thomas Bernhards "Alte Meister" nachlesen kann. Ein Museumsdirektor, der ohne Not eine Evakuierung seines Hauses auf den Weg bringt, handelt wie der Geschäftsführer eines Frackverleihs – allerdings ein erfolgreicher.

Petra Kipphoff