BERLIN. – Morgens um halb sechs hat er sich auf den Weg gemacht: vom Bus in die U-Bahn wechseln, umsteigen in die S-Bahn, auch ja die richtige Haltestelle finden. Wo geht die Reise mit der Straßenbahn weiter? An der richtigen Station aussteigen – das ist nicht einfach in einer fremden Stadt mit fremder Sprache und mit fremder Schrift. Dann die ewig lange Straße langlaufen, über moddrige Gehsteige immer am überirdischen Rohrsystem des Industriegeländes entlang. Zwei Stunden war der Flüchtling aus dem Libanon unterwegs. Aber immerhin: Er hat den Weg in die Ferdinand-Schultze-Straße gefunden, in die seit neuestem weiße Schilder weisen: „Landeseinwohneramt, Asylstelle.“

Schon über Wochen ist. die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber (ZAST) in Ostberlins Plattenbaumoloch Berlin-Hohenschönhausen ein politisches Reizthema. Seit Montag hat sie ihre Tore geöffnet, aber noch ist nicht ausgemacht, ob der Konflikt damit beigelegt ist oder erst richtig anfängt. Der Streit begann im Sommer: um die Zentrale Ausländerbehörde im Bezirk Tiergarten zu entlasten, wollte die Innenverwaltung sie räumlich „entzerren“. Die tausend Menschen, die dort oft schon nachts auf ihre Abfertigungsnummer für den nächsten Tag warteten, sollten an verschiedene Anlaufstellen dirigiert werden. Doch die Dezentralisierung geriet zur Verteilung alter Schwierigkeiten in neuer Potenz: eine für Kriegsflüchtlinge aus Jugoslawien vorgesehene Anlaufstelle in Kreuzberg ist seit Wochen ein Armutszeugnis für die Hauptstadt. Bei bitterer Kälte – notdürftig von humanitären Organisationen versorgt – nächtigen die Flüchtlinge dort, aus Angst, am nächsten Tag den nötigen Aufenthaltsstempel nicht zu ergattern. Auch die privilegierten Ausländer aus EG- und Efta-Staaten klagen. Die eigens für sie eingerichtete neue „Schnellspur“ in Citylage hat sich – Tücken der neuen EDV-Anlage – bisher als Schleichweg erwiesen.

Konfliktpunkt Nummer eins aber ist der sensibelste Bereich der Ausländerbehörde, zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber. Ausgerechnet für sie hat sich die Innenbehörde einen Standort ausgeguckt, der ein „größtes anzunehmendes Unruhepotential“ (GAU) ahnen läßt: ein ehemaliges Stasi-Gebäude in einem nur schwer kontrollierbaren, weitläufigen Industriegelände, das im von Ausländern besonders gefürchteten Ostteil der Stadt liegt. Vergeblich forderte der Bezirk den Senat auf, einen anderen Standort zu suchen. Die Bürger Hohenschönhausens, so hatte die parteilose Bürgermeisterin Brunhild Dathe wiederholt versichert, seien durchaus bereit, die Asylstelle aufzunehmen – aber nicht an diesem Ort. Der weite Fußweg durch wenig bewohntes Gelände ohne Telephonzellen weit und breit setze die Asylbewerber, die hier jeden Tag vorsprechen müssen, einem Sicherheitsrisiko aus. Doch die Berliner Innenverwaltung schaltete auf stur. Man lasse sich, so Staatssekretär Armin Jäger, „nicht vom Mob der Straße diktieren, wie und wo wir unsere Verwaltungsgeschäfte abwickeln“.

Als die neue Asylstelle jetzt am Montag ihre Tore öffnete, da war sie denn auch schon längst keine bloße Behörde mehr, sondern Symbol für einen Konflikt. Eine Spur zu wortgewaltig haben sich auch Teile der autonomen Szene eingeschaltet und sich zu Beschützern der Flüchtlinge ernannt. Durch ständige Präsenz will man „den Faschos und Rassisten“ zeigen, daß hier kein Land zu gewinnen sei. Aber auch für die rechte Szene könnte die neue Behörde einen Symbolgehalt bekommen, der zum Flaggezeigen herausfordert. Mehr als die Anwesenheit der Flüchtlinge schreckt denn etliche Anwohner auch die Sorge, sie könnten plötzlich zwischen die Fronten geraten. „Mit der Asylstelle“, sagt Bezirksbürgermeisterin Dathe, „liegen wir unversehens unter einem Brennglas.“

Eine Hohenschönhausener Bürgerinitiative hat derweil gemeinsam mit den Autonomen eine Zeltwache vor der Asylstelle aufgebaut. Dort wollte man den ausländischen Besuchern am Eröffnungstag warmen Tee reichen. Doch die Asylsuchenden nahmen keine Notiz von der Geste. Sie hatten es eilig, zum Schalter mit der Nummernausgabe und dem Schild „Warten“ zu gelangen. Einige hatten bereits eine dreistündige Irrfahrt durch Berlin hinter sich, andere waren mit dem Taxi gekommen – teils aus Furcht, meist aber, weil sie vor dem komplizierten Fahrweg kapituliert hatten.

Ulrich von Chamier, Leiter der Ausländerbehörde, will währenddessen in dem komplizierten Anfahrtsweg kein Problem sehen. „Wer so einfallsreich ist, von Nigeria nach Deutschland zu finden, der findet auch nach Hohenschönhausen.“

Vera Gaserow