Von Erhard Eppler

Nein, nicht nur die Sozialdemokraten suchen nach Orientierung. Alle suchen: die Regierung, die Parteien, die Gewerkschaften, die Industrie, die Bauern, die Kirchen, die Bundeswehr.

Es ist eben ein Unterschied, ob man in der eisigen Windstille des Kalten Krieges Wohlstand verteilt und Waffen anhäuft oder ob man in der gewittrigen Schwüle, die seither in Europa allerhand nationalistisches Unkraut wuchern läßt, all die Brände in den kleineren und größeren Hütten löschen soll, in die der Blitz eingeschlagen hat.

Wir leben nicht mehr in einem Europa, das sich zusammenschließen mußte, um sich gegen einen feindlichen Koloß im Osten zu behaupten. Dafür sehen wir mit Entsetzen, daß die Westeuropäer ihre Villen an den Rand von Slums gebaut haben und daß die Slumbewohner aus Ost und Süd neugierig und manchmal auch dreist nachsehen wollen, wie sich’s in der Villa lebt. Und wir Deutschen sollen unter den Augen der Ausgeschlossenen einen uralten, einst ansehnlichen, inzwischen verlotterten Anbau mit viel Geld zum gleichwertigen Teil unserer Villa umbauen, die größere Villa in eine Dorfgemeinschaft einbringen, mit einer gemeinsamen Polizei, die auch dann tätig werden soll, wenn die Leute in den Slums sich gegenseitig totschlagen.

I.

Allerdings ist in Deutschland die Verwirrung noch um einiges größer, als sie sein müßte. Sie begann als klarwurde, daß die Menschen in der DDR ihren Staat nicht schnell genug loswerden konnten. Darauf waren nicht einmal diejenigen vorbereitet, die sich dann dafür entschieden, dies parteipolitisch zu nutzen. Und so wurden die Ostdeutschen im Wahlkampf 1990 von einem Kanzler willkommen geheißen, der die Deutschen in Ost und West in ein Land zu führen versprach, in dem Milch und Honig fließt. Ein Glück, daß sein sozialdemokratischer Kontrahent mit guten Gründen widersprach; schade, daß er dabei vergaß, die Menschen aus dem Osten willkommen zu heißen. Noch heute wissen viele nicht genau, ob sie die richtige, aber kalte Rechnung dem gefühligen Betrug hätten vorziehen sollen. Sie fühlen sich wieder einmal betrogen.

Bei alledem vergessen viele, daß doch eigentlich der ökologische Umbau unserer Wirtschaft anstünde. Der läßt sich ja nicht verschieben, bis die letzten Fichtenwälder verdorrt sind und das Ozonloch den Herstellern von Sonnenschutzmitteln die Taschen füllt.