Von Volker Stollorz

Vor wenigen Tagen erhielt die Zulassungsstelle für Gentechnik beim Bundesgesundheitsamt in Berlin zwei dicke Briefe. Ihr Inhalt: Anträge für Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Absender waren das Institut für Genbiologische Forschung in Berlin, das im Frühjahr 1993 zwei seiner im Genlabor veränderten Kartoffelsorten auf den Acker bringen will, sowie die Firma Planta, eine Forschungsgesellschaft der Kleinwanzlebener Saatzucht AG aus Einbeck, die für das Frühjahr nächsten Jahres einen Freilandversuch mit Zuckerrüben plant.

Freilandexperimente bedürfen hierzulande der Genehmigung. Sie muß erteilt werden, wenn von ihnen keine Gefahr für Mensch und Umwelt ausgeht. In der Vergangenheit wurden erst zwei Anträge gestellt und genehmigt. Bei beiden Versuchen ging es um gentechnisch veränderte Petunien. Derzeit scheuen sich Forscher, Züchter und Industrie, für ihre zu Tausenden in den Labors und Gewächshäusern wachsenden, genetisch veränderten Pflanzen weitere Freisetzungsanträge zu stellen.

Für ihr Zögern gibt es viele Gründe. Forschungsinstitutionen und die Industrie kritisieren das neue Gentechnikgesetz und dessen Vollzug. Sie werfen ihm vor, es verhindere mit unnötiger und für den Antragsteller kostspieliger Bürokratie, daß die Chancen der Gentechnik in Deutschland genutzt werden. Die Max-Planck-Gesellschaft warnt öffentlich vor irreversiblen Folgen für den "Standort Deutschland". Aber obwohl die Kritik teilweise zutrifft, liegen die wirklichen Ursachen der Zurückhaltung tiefer: Die Protagonisten der Gentechnik fürchten den Konflikt. In der Diskussion stehen sich zwei technologiepolitische Grundhaltungen gegenüber, die sich gegenseitig blockieren. Die eine Seite will vertretbare Risiken, insbesondere der Pflanzengenetik, akzeptieren und deren Chancen nutzen. Die anderen wollen unvorhersehbare Risiken einer ihrer Meinung nach überflüssigen Technik nicht in Kauf nehmen. Statt dessen befürworten sie Alternativen zur industrialisierten Landwirtschaft, etwa einen konsequenten "ökologischen Landbau".

In dieser Debatte ist das Risikokonzept zur Scheidemünze der konträren Meinungen avanciert. Alle Gruppen sind sich zwar einig, daß Risiken in Schach gehalten werden müssen. Aber hinter den Fragen, welche Risiken faktisch vorliegen, wie sie zu bewerten sind und welcher Kontext in diese Bewertung einbezogen werden muß, verbirgt sich eine eher ideologische Grundsatzfrage: Wollen wir die technisierte Agrikultur?

Ein Blick über die Grenzen Deutschlands ist lehrreich. Im Ausland liegen Erfahrungen aus über 600 kontrollierten Freilandversuchen vor; in diesem Jahr kommen nach Schätzungen der OECD in ihren Mitgliedsländern über 500 Freisetzungen hinzu. Weltweit sind in Nutzpflanzen wie Mais, Zuckerrüben, Raps, Kartoffeln, aber auch Bäumen, Obst- und Zierpflanzen sowie Mikroorganismen, Fremdgene eingeschleust worden. Die anschließenden kontrollierten Freisetzungen liefen bisher, soweit bekannt, ohne Schäden für Mensch und Umwelt ab. Deshalb gilt im Ausland die bisherige Politik, über Freisetzungen von Fall zu Fall zu entscheiden, gemeinhin als vernünftig.

Die Behörden einiger Länder bereiten Listen von Genmanipulationen vor, die sie als ungefährlich einstufen. In den USA wollen sich die Aufsichtsbehörden angesichts der Antragsflut auf risikorelevante Fälle konzentrieren. Eine Folge dieser Entwicklung ist, daß die Firma Callgene im nächsten Jahr das erste gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, – eine langsam reifende Tomate namens Flavr Savr, in die amerikanischen Supermärkte bringen wird.