Von Ursula Bode

Eine der fesselndsten Ausstellungen dieses Jahres könnte auch nur mit einem Datum überschrieben sein – dem des 19. Juni 1867. An diesem Tag starb in Mexiko der 35jährige Habsburgerprinz Maximilian, für wenige Jahre Kaiser des Landes von Napoleons III. Gnaden. Er starb zusammen mit seinen Generälen Mejia und Miramon im Kugelhagel eines republikanisch-mexikanischen Exekutionskommandos. Der Tag markierte das endgültige Scheitern französischen Eroberungsstrebens in Mittelamerika und das Ende jenes mexikanischen Abenteuers, auf das sich der Kaiser der Franzosen fünf Jahre zuvor mit der Entsendung von Besatzungstruppen eingelassen hatte. Der Tod des Habsburgers auf dem kargen Cerro de las Campanas, dem Glockenhügel oberhalb des kleinen Ortes Queretaro nördlich der Hauptstadt, erschütterte Europa mit zeitlicher Verzögerung.

Eine erste Nachricht überbrachte der Kapitän eines österreichischen Schiffs knapp zwei Wochen später in Wien. Augenzeugenberichte folgten per Transatlantikkabel etwa einen Monat nach der Hinrichtung. Aufnahmen vom Hofphotographen François Auber – mit Ansichten vom Ort des Geschehens sowie vom Leichnam im Sarg und von seinen durchschossenen Kleidungsstücken – wurden im August publiziert, auch in Paris, wo offizielle Reaktionen und Presseberichte zurückhaltender als in anderen Hauptstädten gewesen waren: Die Zensur wachte.

Das tragische Ende des als idealistisch und sympathisch geschilderten Kaisers von Mexiko erregte und rührte die europäische Öffentlichkeit nicht minder als die Nervenkrise und Umnachtung seiner Frau Charlotte, der Tochter des belgischen Königs. Auch in Frankreich erschienen damals populäre Darstellungen der Tragödie, Bilderbögen etwa in Epinal. Die politische Szene reagierte alles andere als gerührt: Die Erschießung Maximilians durch die Soldaten Benito Juarez’ wurde zum Medienereignis von nahezu modernem Ausmaß, und irgendwann im Juli 1867 begann in Paris Edouard Manet, sich mit den Nachrichten aus Mexiko zu beschäftigen. Ursprünge und Ergebnisse seiner Auseinandersetzung mit dem aktuellen Tagesgeschehen werden jetzt – nach einer Präsentation in der Londoner National Gallery – in der Kunsthalle Mannheim auf spannende Weise gegenwärtig.

Die Hinrichtung auf dem Glockenhügel wäre ein bloßes Faktum der Geschichte, wenn der Künstler damals dem Tatbestand nicht eine andere, aufregende und andauernde Authentizität verliehen hätte: In ungefähr eineinhalb Jahren malte Manet drei großformatige Fassungen der „Erschießung des Kaisers Maximilian“; eine Ölskizze kam hinzu; eine Lithographie folgte; eine Detailzeichnung ist überliefert.

Manet, der Flaneur, der Schilderer des modernen Großstadtlebens, der den Begriff des „Historienmalers“ gern als Schimpfwort verwendete, gibt sich mit diesen bildnerischen Reaktionen auf ein politisches Ereignis als Mann von republikanischer Gesinnung zu erkennen – und zugleich bleibt er der Künstler, der neue Formen der Malerei für seine Gegenwart schuf. Die letzte Fassung des Motivs versah er nicht mit dem Entstehungsdatum. Er gab ihr das historische Datum: 19. Juni 1867. Seiner radikalen bildnerischen Umsetzung eines welterschütternden Aktes kommt in unserem Jahrhundert nur Pablo Picassos „Guernica“ gleich.

Daß Manets 1868/69 vollendete dritte Fassung des Themas damals als „das einzige monumentale Geschichtsbild der modernen Malerei“ gelten konnte, ist aus heutiger Distanz leicht einzusehen. Als jedoch der junge Kunsthistoriker Fritz Wiehert, Direktor der gerade eröffneten Kunsthalle in Mannheim, mit dieser Würdigung 1910 den Ankauf des Bildes begründete, fand er wenig Gegenliebe. Das 252 mal 302 Zentimeter messende Gemälde, aus dem Nachlaß Manets in den französischen Kunsthandel gekommen und über Paul Cassirer in Berlin erworben, sollte das Hauptstück von Wicherts „Zukunftsgalerie“ sein (und ist es bis heute geblieben). 90 000 Mark hatten Mannheimer Bürger dafür gestiftet – und damit, im Widerstand auch gegen die Polemik anderer Bürger, souveränen Kunstsinn bewiesen.