Es hat mich schon wieder erwischt. Man hat mich unterschlagen. In seiner Besprechung von Nicholson Bakers erotischem Roman „Vox“ (ZEIT v. 15. 10. 1992) hat die Literaturredaktion ihren Lesern vorgegaukelt, der amerikanische Autor habe das Buch auf deutsch geschrieben. Kein Übersetzer? Nein. Es hat mal wieder kein Schwein geguckt.

Was tun? Toben? Verzweifeln? In Selbstmitleid zerfließen? Die Redaktion in gesetzten und geduldigen Worten über Bedeutung und Verantwortung des Übersetzers im Austausch der Weltliteratur aufklären? Die Ahnen beschwören: Luther, Wieland, Schlegel/Tieck und wie sie alle heißen?

Was auch immer, wie auch immer – die Reaktionen auf derlei Nachhilfe, so sie denn überhaupt kommen, reichen von blanker Verständnislosigkeit („Warum? Das wird bei uns nie gemacht“) über faule Ausreden („Nicht genügend Platz“) bis hin zu zerknirschten Besserungsgelöbnissen („Sie haben ja so recht, leider einfach vergessen, aber in Zukunft werden wir dafür sorgen .. .“), freilich mit integrierter Folgenlosigkeit.

Gewiß, in der Handvoll großer Feuilletons, und auch in ein paar kleinen, ist die Nennung des Übersetzers mittlerweile die Regel. Gewiß, es gibt kostbare Ausnahmen, Kritiker, die das eine oder andere Wort über die Qualität der Übersetzung dieses Romans oder jenes Gedichtbandes verlieren. Diesen Kritikern ist offenbar bewußt, daß es so etwas wie die übersetzerische Gestaltung gibt, mit der man viel Schönes, aber auch viel Unheil anrichten kann. Davon, daß die Würdigung der Übersetzung eine unbesehene Selbstverständlichkeit ist, kann indes keine Rede sein. Wenn überhaupt, dann fällt gerade mal ein globales „Gut“ oder „Schlampig“. Man stelle sich dagegen eine Theaterrezension ohne kritische Würdigung der Hauptdarsteller vor – undenkbar!

Die Kunst des Übersetzens unterliegt mancherlei Fehleinschätzungen. Zum Beispiel der: Wenn man die Fremdsprache einigermaßen beherrscht, kann’s losgehen, denn Deutsch kann man ja sowieso. Oder einer differenzierteren, aber darum nicht weniger unsinnigen: Die Übersetzung ist desto gelungener, je weniger man merkt, daß es sich um eine solche handelt. Diese Meinung unterstellt als Ideal die einzig wahre, kongeniale Übersetzung – die es nicht gibt – und damit letztlich die Uninterpretierbarkeit des Originals.

Gewiß, der Übersetzer ist dem Original verpflichtet. Aber ebenso verpflichtet ist er seiner originellen Sicht des Textes, die er in angemessenes Deutsch zu bringen hat. Und daher sollte die Übersetzungskritik Teil der Literaturkritik sein. Nicht immer, aber bitte immer öfter.

Eike Schönfeld