Von Karl-Heinz Büschemann

Wenn Albert Vetter die Stimmung in seinem Betrieb beschreiben soll, dann fallen ihm zunächst nur zwei Worte ein: „Deprimierend, bedrückend.“ Der Betriebsratsvorsitzende des Stahlwerkes Maxhütte im bayerischen Sulzbach-Rosenberg findet aber gleich seinen Kampfgeist wieder: „Wir sind voller Wut im Bauch, weil uns die Politiker im Stich lassen.“

Die 1800 Beschäftigten der traditionsreichen Maxhütte müssen befürchten, ihre Arbeitsplätze endgültig zu verlieren. Die Krise auf dem Stahlmarkt hat das Werk, das zu 55 Prozent fünf deutschen Stahlunternehmen und zu 45 Prozent dem Freistaat Bayern gehört, in die Verlustzone getrieben. Wenn nichts passiert, ist die Hütte pleite, sobald im November das Weihnachtsgeld ausbezahlt werden muß. Von den fünf Industriegesellschaftern, die je elf Prozent an der Hütte halten, wollen die Konzerne Klöckner, Krupp und Thyssen lieber heute als morgen ihre Anteile für nur eine Mark loswerden. Die Verluste ihrer Oberpfälzer Beteiligung wollen sie auf keinen Fall länger mittragen. Und es trifft die Belegschaft wie ein Hieb, was der Unternehmensberater Roland Berger in einem Gutachten für das bayerische Wirtschaftsministerium über ihr Unternehmen festgestellt hat. „In seiner heutigen Struktur ist die Maxhütte nicht überlebensfähig.“

Jetzt hoffen die Stahlwerker darauf, daß sich noch rechtzeitig vor der drohenden vorweihnachtlichen Pleite ein rettender Engel findet. Es gibt sogar drei Interessenten, die sich vorstellen könnten, Anteile der Maxhütte zu übernehmen: so der bayerische Bauunternehmer Max Aicher, der schon die an der Maxhütte mit elf Prozent beteiligten Lechstahlwerke besitzt und seit kurzer Zeit auch Aufsichtsratsvorsitzender der Sulzbacher Hütte ist. Interessiert zeigten sich auch der Röhrenhändler Manfred Kühnlein sowie das österreichische Stahlunternehmen Voest. Doch alle drei sind nur zum Einsteigen bereit, wenn das Land Bayern erhebliche Mittel in den Betrieb und in die Beseitigung gewaltiger Altlasten steckt. Zudem könnten alle drei Bewerber nur einen Bruchteil der heutigen Belegschaft erhalten.

Doch ob es zu einer Übernahme kommt, ist nicht sicher. Denn der Staat, der schon nach der Beinahepleite vor fünfeinhalb Jahren 240 Millionen Mark in die Hütte steckte, will nur mit weiterem Geld aushelfen, wenn ein Interessent ein tragfähiges Konzept für das Überleben der Hütte vorlegt. Binnen zwei Wochen sollen Aicher und Kühnlein ihre Vorstellungen schriftlich präsentieren. Mit Voest will Wirtschaftsminister Lang Anfang November verhandeln.

Die Interessenten müßten selber erhebliche Summen investieren; bis zu 250 Millionen Mark würden gebraucht, um das Stahlwerk auf moderneren technologischen Stand zu bringen, schreibt Roland Berger in seinem Gutachten. Die größten Hoffnungen setzen die Stahlwerker auf das Recycling von Altautos. Durch das Einschmelzen von Schrott glauben sie, besonders günstig Stahl gewinnen zu können, den sie für die Erzeugung etwa von Eisenbahnschienen brauchen. Zwar haben Voest und Kühnlein eine Autoverwertung in Sulzbach ins Auge gefaßt, doch ist noch nicht entschieden, welches Verfahren sie einsetzen wollen. Aber die Zeit drängt. Fachleute halten es kaum für realistisch, daß man noch vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit der Hütte Entscheidungen über so komplizierte und bisher nicht ausreichend erprobte Recyclingverfahren treffen kann, zumal dafür Investitionssummen von 120 bis 180 Millionen Mark notwendig sind. „Die Situation ist offen“, erklärt ein Sprecher des bayerischen Finanzministeriums.

Schon einmal stand die Maxhütte vor dem Ruin. Im April 1987 ging der damals den Duisburger Klöckner Werken gehörende Betrieb mit seinen damals über viertausend Beschäftigten in Konkurs, und es sah so aus, als würde in Sulzbach-Rosenberg nie mehr Stahl gekocht. Damals schon urteilte der Schweizer Unternehmensberater Nicolas Hayek, der für die Münchner Regierung einen Rettungsplan ausarbeiten sollte: „Eine Schließung der Maxhütte wäre, rein betriebswirtschaftlich gesehen, als die wohl sinnvollste Lösung zu betrachten.“ Doch es fand sich noch einmal eine Scheinlösung. Der Freistaat und die fünf Stahlunternehmen Krupp, Thyssen, Klöckner, Mannesmann und Saarstahl sprangen ein, so daß der Betrieb mit einem Drittel der alten Belegschaft weitergeführt werden konnte. Weil die Stahlkonjunktur anzog, fuhr der ehemalige Pleitebetrieb sogar Gewinne ein.