Von Walter Siebel

Die schönen Tage von Barcelona und Sevilla sind vorüber. Andernorts wird weitergefeiert. Nicht nur in Spanien feiern die Städte Feste. Es drängeln sich geradezu die Kultursommer, Theater- und Filmfestspiele, die Bundesgartenschauen und die runden Geburtstage: Berlin wurde 750 Jahre alt, Bonn 2000, Kassel hatte wieder seine documenta, Duisburg die Studenten-Olympiade. Nachdem die Internationale Bauausstellung in Berlin vorüber ist, betreibt Nordrhein-Westfalen die Internationale Bauausstellung Emscher-Park, Hannover plant die Expo 2000, Berlin bemüht sich um Olympia, Weimar möchte 1999 Kulturhauptstadt Europas werden.

Ein neuer Typus von Politik scheint auf: die Politik der großen Ereignisse. Gelder, Menschen und Medien werden auf ein möglichst klar umrissenes Ziel hin mobilisiert. Die Kampagne ist zeitlich befristet, räumlich begrenzt und publikumswirksam fokussiert. "Mensch – Natur – Technik" lautet das Motto der Hannoveraner Expo.

Die Festivalisierung der Politik, also die Konzentration aller Ressourcen auf ein großes Ereignis, ist weder neu noch ein Phänomen nur der Stadtpolitik. Der von Ort zu Ort ziehende kaiserliche Hof im frühen Mittelalter, heutige Wahlkampagnen oder das Projekt Schneller Brüter in Nordrhein-Westfalen weisen ähnliche Merkmale auf. In der Politik der Städte seit den siebziger Jahren wird die Tendenz zur Festivalisierung nur besonders deutlich.

Die Städte werden unsichtbar. In den großen "Konurbationen" wie Rhein-Ruhr, Rhein-Main oder Bos-Wash, dem Siedlungsband von Boston bis Washington, sind einzelne Städte kaum noch erkennbar. Auch die Wucherungen von Hamburg und München lassen die Kernstadt im Siedlungsbrei untergehen. Gegen das Verschwinden der Stadt sucht sich die Politik zu wehren, indem sie Höhepunkte schafft, Inseln im Meer der Agglomeration: Die Festivalisierung soll Identifikation stiften.

Die Medien verstärken diesen Mechanismus. Jeden Tag das ganze Jahr über ein anderer Jongleur in der Stadt wird Kinder begeistern, aber sonst nicht weiter auffallen. 365 Jongleure an einem Nachmittag auf dem Marktplatz sind ein Medienereignis und damit überhaupt erst ein Ereignis. Um für die eigenen Bürger im Siedlungsbrei sichtbar und in der Informationsflut hörbar zu bleiben, zieht sich die Stadtpolitik auf zeitliche und räumliche Punkte zusammen: Festivalisierung als mediengerechte Inszenierung der Stadt.

Die Städte sind noch in einem zweiten Sinn von Unsichtbarkeit bedroht: Um in den wachsenden Wirtschaftsräumen von europäischer Gemeinschaft und Weltmarkt für einen internationalen Investor erkennbar zu werden, braucht es höhere Türme, als sie sich normale Großstädte leisten können. Paris, London, Rom, Tokio und New York sind von sich aus international und konkurrenzfähig. Sevilla, Hannover oder Duisburg müssen dagegen alle Kräfte zusammenraffen, um kurz, für die Dauer einer Messe, so hoch zu springen, daß der japanische Investor sie wenigstens einmal zu Gesicht bekommt: Festivalisierung als Strategie der Schwächeren, denen die internationale Konkurrenz besondere Anstrengungen abverlangt, die sie nur ein Fest lang durchhalten können.