Von Klaus Hartung

Zwei Bilder verschmelzen. Das eine: die Käfige in der Klinik Balaceanca, fünf Kilometer außerhalb von Bukarest. Kahlgeschorene Männer, von denen sich einige aufrichten, uns entgegenstarren, als die eisernen Türen entriegelt werden. Zu zweit liegen sie in einem Bett, aneinandergedrückt. Das andere Bild: der Ceauşescu-Palast auf dem Hügel, der keine Maße mehr kennt. Die kilometerlangen Magistralen mit Springbrunnen und hellem Fassadenluxus in der Hauptstadt, die grau geworden ist vom Aschenfall der Geschichte. Das Oben und Unten der Diktatur, die Ordnung von oben, die die Unteren immer weiter nach unten trieb.

In dem pompösen Kuppelsaal der Philosophischen Fakultät, dem Schauplatz des Kongresses „Psychiatrie und Ethik“ Anfang Oktober, spricht der Bukarester Schriftsteller Octavian Paler. Sein düsteres Pathos scheint die Zuhörer eher zu versöhnen. „Wir waren 45 Jahre Irrenhausinsassen, die nur ausnahmsweise freigelassen wurden..... Die Kommunisten zerstörten unsere Zukunft in einer Freiheit, die wir nicht leben können.“ Wie die Tiere, die zu lange im Käfig waren, „tragen wir nun den Käfig in uns“. Gespenster seien auf den Straßen, Gespenster im Fernsehen, und am Ende entdecken wir: „Die Gespenster sind wir.“

Dr. George Coşa, seit der „Revolution“ Direktor des Spitalul Unificat Prof. Dr. GH. Marinescu, der einzigen großen psychiatrischen Klinik in Bukarest, meint, Paler habe die Wahrheit gesprochen. Ansonsten will der kleine, graubärtige Mann, dessen verschmitztes Dauerlächeln immer fluchtbereit wirkt, mit dem ersten Kongreß der Vereinigung der freien Psychiater in Rumänien nichts zu tun haben. Da hätten, meint er, wohl einige Herren vergessen, „ihr patriotisches Gewand anzulegen“.

Seit langem werden die „freien Psychiater“ von Kollegen und regierungsnahen Zeitungen als Vaterlandsverräter, als „Terroristen“ beschimpft. Nächtliche Anrufer bedrohen sie mit Mord. Auch Anschläge gegen ihre Wohnungen kamen aus dem Nebel, der über dem Securitate-Sumpf liegt. Da verwundert es nicht, daß der Exilrumäne und Ehrenvorsitzende des Kongresses, Dr. Ion Viannu, am Ende auf die Frage, ob der Kongreß ein Erfolg gewesen sei, trocken antwortet: „Ja, diesmal ist nichts passiert!“

Wen George Coşa mit jenen „vaterlandsvergessenen Herren“ meint, ist jedenfalls klar: die Initiatoren des Kongresses, vor allem Dr. Aurel Romila, Dr. Valerian Tuculescu und Dr. Ion Viannu. Viannu mußte 1977 das Land verlassen, weil er im Marinescu gegen zwei Fälle der Psychiatrisierung protestiert hatte. Bei Genf hat er jetzt eine psychiatrische Praxis, aber, so sagt er, die rumänische Psychiatrie sei sein Schicksal. „Ohne die Aufklärung des Psychiatrie-Mißbrauchs gibt es keine Zukunft. Wer soll denn eine neue Generation von Psychiatern ausbilden?“

Aurel Romila, der theoretische Kopf der „freien Psychiater“, hat vor 1989 versucht, mit den ärmlichsten Mitteln eine sozialpsychiatrische Abteilung aufzubauen, und ist in Ungnade gefallen. Coşa möchte gern verhindern, daß Romila mit seiner Abteilung aus den baufälligen Hütten am Rande der Klinik in einen Neubau umzieht. Vor allem aber hat Coşa wohl Valerian Tuculescu im Auge, einen Mann, der eher an einen optimistischen Helden aus der Zeit, in der der Stahl gehärtet wurde, erinnert als an einen melancholisch weltläufigen Bukarester Bildungsbürger. Daß er dem Archipel Gulag entkommen ist (und seine Eltern nicht), merkt man ihm nicht an.