Von Volker Ullrich

Das Lächeln der Königin gefror. Als Elisabeth II. vor der Kreuzkirche in Dresden aus dem Wagen stieg, empfing sie Schweigen. Vereinzelt erklangen Buhrufe und Pfiffe; zwei Eier flogen, verfehlten aber ihr Ziel. Während in der Kreuzkirche ein Versöhnungsgottesdienst stattfand, Prinz Philip in deutscher und Kurt Biedenkopf in englischer Sprache Verse aus der Bergpredigt verlasen, verharrte die Menge vor dem Portal in stummem Protest.

Ist die Szene in Dresden symbolisch für einen neuen Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit? Jahrzehnte hatten sie, sieht man von den kleinen Konventikeln der Alt- und Neonazis ab, im Bewußtsein der Ungeheuerlichkeit der nationalsozialistischen Verbrechen die Kriegsuntaten der Gegner eher diskret behandelt. Jetzt, nachdem im wiedervereinigten Deutschland die Fratze des Rechtsradikalismus allerorten wieder zum Vorschein kommt, glauben manche offenbar die Zeit gekommen, um alte Rechnungen begleichen oder neue aufmachen zu können. Zwei junge Rechte hielten in Dresden ein Protestplakat hoch: „253 000 Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors am 13./14. Febr. 1945 mahnen ewig!“ Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, daß die Zahl der Opfer weit übertrieben ist – was verstört, sind Unversöhnlichkeit und Haß, die sich hier Ausdruck verschaffen. Aber auch wer sich mit den Parolen der Rechten nicht identifizieren mochte, hätte sich von der englischen Königin eine noch entschiedenere Geste der Versöhnung gewünscht, als sie durch ihre bloße Anwesenheit in Dresden bewies. Manche bedauerten, daß Elisabeth II. noch nicht sorry sagen mochte.

Aber wofür hätte sich die Queen entschuldigen sollen? Gewiß – der Angriff auf Dresden war ein sinnloser, ein barbarischer Akt, weil er den längst verlorenen Krieg nicht um einen Tag verkürzt hat. Doch darf bei alledem nicht vergessen werden, daß es die Deutschen waren, die nicht nur den Zweiten Weltkrieg entfesselten, sondern auch, nach dem Sieg über Frankreich im Frühsommer 1940, den Bombenkrieg gegen englische Städte begannen, um den Widerstandsgeist der Briten zu brechen.

Es ist ein Kennzeichen der neuen deutschen Dreistigkeit im Umgang mit der Geschichte, daß solche Fragen nach Ursache und Wirkung, nach der Kausalität der Ereignisse, kaum noch gestellt werden. Und daß im selben Maße, in dem man sich mit den Verbrechen „der anderen“ beschäftigt, die Sensibilität für das von den eigenen Landsleuten begangene Unrecht abnimmt. Der geplante, erst aufgrund massiver öffentlicher Proteste abgesagte Festakt zum 50. Jahrestag des ersten Starts einer V2-Rakete in Peenemünde war ein deutliches Signal.

Erst im Rückblick erkennt man, wie sehr der 1986 entflammte „Historikerstreit“ um die Singularität oder Vergleichbar-

keit der nationalsozialistischen Verbrechen das Terrain für den gegenwärtigen Revisionismus planiert hat. Zwar konnten damals noch Ernst Nolte und seine Mannen in die Schranken verwiesen werden; doch mit der Wende von 1989 scheint sich ihre Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Stalin ist nun als ein Hitler ebenbürtiges Monster enttarnt; die unter seiner Herrschaft verübten Verbrechen sollen denen des Nationalsozialismus mindestens gleichrangig an die Seite gestellt werden.