Von Helga Hirsch

Auschwitz

Wenn Regenwolken tief über der Ebene hängen, die Steine vor Feuchtigkeit dunkel glänzen und sich die Dunkelheit schon bald nach Mittag über die Baracken des ehemaligen Frauen- und Quarantänelagers senkt, dann scheint die düstere Vergangenheit von Auschwitz-Birkenau ganz nah. Dann drängen sich die Bilder auf von Hunderttausenden von Juden aus der Slowakei, aus Frankreich, Belgien, Holland, Litauen, die auf der Eisenbahnrampe aussortiert wurden: die einen noch zur Arbeit abkommandiert, die meisten gleich in die Gaskammern geschickt. Dann steigen Erinnerungen hoch an Sondereinheiten der Häftlinge, die Loren voller Menschenasche kubikmeterweise in dem Teich hinter dem Krematorium IV entluden, bis sie selbst erschossen wurden, damit sie nicht berichten konnten, was sie erlebt hatten. Bilder aus Filmen, Erinnerungen an Berichte, Photos von SS-Männern und Häftlingen.

Heute gibt es keine Loren mehr, keine Magazine mit geraubten Habseligkeiten, heute reißen Hitze, Frost und Regen selbst jene Betonflächen auf, die nach der Sprengung der Krematorien durch die SS noch erhalten waren. "Die Natur ist stärker als der Mensch", sagt Tadeusz Szymänski, ein ehemaliger Häftling in Birkenau und im Stammlager Auschwitz I, der bis zur Pensionierung im KZ arbeitete und noch heute in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude lebt. Durch die "Sauna", das alte Desinfektionsbad, pfeift der Herbstwind, die hölzernen Wachtürme sind morsch, in den teils unbeheizten Räumen läuft das Wasser von den Wänden. Auch die Konzentrationslager verfallen – wenn sie nicht mit großen Anstrengungen erhalten werden, um der Nachwelt vor Augen zu führen, zu welchen Verbrechen die Menschheit fähig ist.

"Wer die Geschichte nicht erinnert, ist verurteilt, sie neu zu durchleben": Dieses Zitat des Philosophen George Santayana am Eingang des Blocks 4 hat für die Deutschen nach über vierzig Jahren wieder erschreckende Bedeutung bekommen. Für die Jugendlichen in den neuen und alten Bundesländern, die den Arm zum Hitlergruß hochreißen und "Ausländer raus!" brüllen, ist die Vergangenheit keine Last. Und jene Fernsehzuschauer, die einen Bericht über den Zerfall des Lagers befriedigt mit der "Auschwitz-Lüge" kommentierten oder den Türken, Juden, Sinti und Roma heute gar dasselbe Schicksal wie den Opfern der Konzentrationslager wünschten, hat das Entsetzen noch nicht eingeholt.

Wer Auschwitz oder Majdanek gesehen hat, kann nicht gleichgültig bleiben. Die polnische Regierung hat 45 Jahre lang die Unterhaltskosten für die Mahn- und Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau allein getragen, den jetzigen Anforderungen ist sie nicht mehr gewachsen. Mit augenblicklich achtzehn Milliarden Zloty (rund 1,9 Millionen Mark) im Jahr lassen sich nur die dringlichsten Arbeiten durchführen, aber die Substanz kann nicht gesichert werden. Zusätzliche Hilfe ist erforderlich. Die Sorge um Auschwitz kann nicht den Polen allein aufgebürdet werden; vor allem die Deutschen sind zu rascher Unterstützung aufgefordert. Die Frage ist eigentlich nur: Wie soll geholfen werden?

Im Mai 1990 legten von der Ronald-Lauder-Stiftung aus New York beauftragte Spezialisten einen Bericht vor, in dem ein vierjähriges Programm zur Erhaltung der Baracken und Ruinen von Birkenau, der Ausstellungsräume im Stammlager I und die Einrichtung einer eigenen Werkstatt vorgeschlagen wird. Die eine Hälfte der Kosten von insgesamt 42,8 Millionen Dollar sollte von der Bundesregierung, die andere Hälfte von der amerikanischen Regierung und anderen westeuropäischen Staaten getragen werden.