Die Leute wollen das. Die Einschaltquoten zeigen es. Und wenn wir es nicht bringen, dann bringen es die andern. Wenn die Öffentlich-Rechtlichen nicht bald, dann werden die Privaten. Wenn wir nicht heute schon, dann morgen Springer & Herr Kirch. Wer fragt uns? Die Leute wollen das! Dreihundert Prozent Einschaltquote beim „Hobeln in der Lederhose“, fünfzig Millionen Zuschauer bei „Der Scheiß ist heiß“. Je dumpfer, desto doller.

Und nicht, daß sich die Herren dieser Programme etwas vormachten. Selbstverständlich trinkt der Brauerei-Besitzer privat nur Apfelsaft, und selbstverständlich wohnt Sperrholz-Hugo zu Hause ganz in Rokoko. Helmut Thoma zum Beispiel, der Chef von RTLplus in Köln, hat in Kirchenrecht promoviert, liebt die Kunst und sammelt Buddha-Figuren. Er arbeite unermüdlich, so tat er in einem Interview kund, meide Empfänge und Partys, trinke nicht und gehe immer früh schlafen. Herr Thoma von RTLplus: Soll er etwa Fernsehen für seinesgleichen machen? Seinesgleichen hat gar keinen Fernseher.

Anteile, Einschaltquoten, Auflage. Die Leute wollen das. Glaubt noch irgendwer an das, will noch irgendwer etwas mit dem, was er da versendet (außer, versteht sich, das eine)? Selbst der Bildzeitung, dem Urmodell des neuen Fernsehens in Zeitungsgestalt, nimmt man die politischen Motive bei ihren verbalen Anschlägen auf „Asylanten“ und andere Ausländer kaum noch ab. Volksaufhetzung, flott gemacht, sichert das Marktsegment.

Die Zuschauer, die Konsumenten – sie sind die Könige, sie bestimmen, wo es langgeht. (Wir wollen Ma-o-am!) Und sind doch nur die kleinen Fische. „Der Zuschauer“, sagt zum Beispiel Herr Thoma, „darf sich seine Regierung wählen, also auch sein Fernsehprogramm. Ich wundere mich auch über die Wahl, aber der Wurm muß dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.“ Das ist das Credo. Das ist die goldene Regel des Groschenfernsehens. Was haben Angler und Fisch schon gemein? Was hat zum Beispiel ein Edelmensch wie Doktor Thoma mit jenen dumpfen Geschöpfen gemein, die da vor seinem Programm hängen? Das ist ja schließlich eine ganz andere Klasse, Rasse von Wesen: Fische, Fernsehvolk, Fernsehidioten, Leute, die irgendwie am Ende doch noch glauben, was sie da sehen. Dumpf wie die Karpfen, dem Glotz-Trieb ergeben.

Was ist das? Was spricht sich da aus? Was kommt da, unter dem Nadelstreif der Geschäftigkeit, zum Vorschein?

Edmond und Jules de Goncourt, die beiden großen Chronisten des bürgerlichen 19. Jahrhunderts, Kunstliebhaber, bekennen 1857 (nach einem Besuch in einer Pariser Mietskaserne) in ihrem Tagebuch wie über sich selber erschrocken: „Ja, das ist das Volk, das ist das Volk, und ich hasse es. Hasse es in seinem Elend, in seinen schmutzigen Händen, den von Nadeln zerstochenen Fingern seiner Frauen, in seinem verwanzten Jammerbett, in seinem Argot... Ich hasse es, in seinen ganzen nackten Leibern, in seiner ganzen nackten Prostitution, in seinen Wohnlöchern voller Amulette! Mein ganzes Ich lehnt sich gegen diese Dinge auf, die nicht zu meiner Rangordnung gehören, und gegen diese Kreaturen, die nicht meines Blutes sind.“

Aber nicht doch, so würde zum Beispiel Herr Thoma von RTLplus nie reden. Will doch sein Publikum nicht beschimpfen, seine Einschaltquoten ...