Von Udo Perina

Denkt die Deutsche Bundesbank nun endlich um und lockert ihre Geldpolitik? Schließlich ist die Lage ernster, als selbst manche Pessimisten befürchtet hatten. Das gesamtwirtschaftliche Wachstum stagniert, die Industrie befindet sich schon in der Rezession, die Firmenpleiten nehmen beängstigend zu, und die Zahl der Arbeitslosen steigt auf über zwei Millionen, allein im Westen. Aber mit ihrer neuen Beweglichkeit wollen die Frankfurter Währungshüter keinesfalls den Retter in höchster Not spielen.

Warum auch sollte ausgerechnet die Bundesbank der erstickenden Konjunktur jetzt schnell frischen Sauerstoff zuführen, nachdem sie zuvor kräftig mitgeholfen hat, das wirtschaftliche Wachstum abzuwürgen? Und selbst wenn sie es wollte, wären ihre Möglichkeiten recht beschränkt. Das Schuldenmachen wird in Deutschland auch ohne ihr Zutun eine teure Sache bleiben, möglicherweise werden die Kreditzinsen sogar noch einmal anziehen.

Nichts deutet jedenfalls darauf hin, daß die Währungshüter aus dem Frankfurter Diebesgrund die Konjunktur wiederbeleben möchten. Vielmehr halten sie nach wie vor an ihrem strikten Kurs fest, weil sie um jeden Preis den Wert der Mark sichern wollen. Doch angesichts der wirtschaftlichen Flaute brauchen sie dazu nicht mehr den großen Zinsknüppel zu schwingen. Was die Bundesbank bisher nicht geschafft hat, das erledigt für sie jetzt die Konjunkturschwäche: Sie bremst das starke Geldmengenwachstum und damit die Inflationsgefahr ganz von allein.

Zwei Jahre lang hat die Bundesbank mit immer neuen Zinsanhebungen versucht, einen sparsameren Umgang mit Geld zu erzwingen. Vergeblich. Statt ihre Ausgaben zu drosseln, verschuldeten sich die Deutschen bis über beide Ohren. Nicht nur der Staat bürdete sich und den Steuerzahlern eine riesige Schuldenlast auf, auch die Unternehmen und die privaten Haushalte ließen sich von den hohen Zinsen nicht vom Leben auf Pump abbringen, Selbst das Kreditgeschäft für den Wohnungsbau florierte ungebrochen. Noch nie haben die Hypothekenbanken so viel Geld ausgeliehen wie ausgerechnet in der zurückliegenden Hochzinsphase.

Doch mit dem Kreditboom ist es nun vorbei. Die trüben Konjunkturaussichten, die Sorge um den Arbeitsplatz schrecken vom Schuldenmachen offenbar mehr ab als bisher die hohen Zinsen. Und auch die Unternehmen werden sich vorerst mit neuen Investitionskrediten zurückhalten, da weder im In- noch im Ausland neue Absatzmärkte in Sicht sind. Die wichtigsten Exportpartner der Deutschen kämpfen ebenfalls mit der Rezession. Und im Inland wird die Konsumfreude spätestens nach dem Weihnachtsgeschäft schnell vergehen. Höhere Steuern und höhere Beiträge für die Sozialversicherung verringern den Etat der Verbraucher erheblich. Hinzu kommt die wachsende Arbeitslosigkeit. Und selbst wer seinen Job behält, kann nicht mit steigenden Löhnen rechnen – bestenfalls gibt es 1993 einen Inflationsausgleich in Höhe von rund vier Prozent.

Angesichts dieser prekären Aussichten erscheinen ein plötzlicher Nachfrageboom und damit ein deutlicher Preisanstieg eher unwahrscheinlich. Die Bundesbank könnte also getrost etwas großzügiger sein. Manche Anleger spekulieren sogar darauf, daß die Zinssenkung in großen Sprüngen vorangeht, so wie in den Krisen 1974/75 und 1982/83. An den Börsen hat bereits die Jagd nach den letzten Achtprozentern begonnen. Viele lösen ihre Termingeldkonten auf und kaufen Anleihen und Pfandbriefe mit langen Laufzeiten. Die rege Nachfrage hat die Zinsen für längerfristige Kredite bereits kräftig nach unten gedrückt. Die Renditen für festverzinsliche Wertpapiere liegen unter dem Durchschnitt der vergangenen zwanzig Jahre. Immobiliendarlehen sind bereits für weniger als 8,5 Prozent zu haben.