Von Maria Huber

Etwa 700 Kilometer südlich von Moskau ist die Welt noch in Ordnung. Die Studenten von Belgorod sind für einen ganzen Monat auf den Feldern. Wie in alten Zeiten ernten sie Kartoffeln, Kohl und Zuckerrüben. Hier, in der fruchtbaren Schwarzerderegion, wird es keinen Hunger geben. Ob die Überschüsse freilich in die landwirtschaftlich weniger begünstigten Gegenden Rußlands gelangen, ist völlig ungewiß. Das einstige Kernland der Sowjetunion zerfällt immer mehr in wirtschaftlich unabhängige Archipele. Die Auflösung des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und der UdSSR, der Machtkampf zwischen Regierung und russischem Parlament, Hyperinflation und Souveränitätsträume haben die Regionen auseinandergerissen und die Wirtschaftsbeziehungen immer mehr zerrüttet.

In Belgorod – dort werden an der Grenze zwischen Rußland und der Ukraine jetzt Zollstationen errichtet – versammelten sich in der vergangenen Woche 300 Direktoren großer Betriebe und ein Dutzend Politiker aus beiden Staaten. Sie, die Praktiker, zum großen Teil schon seit sozialistischen Zeiten im Amt, wollen den wirtschaftlichen Kreislauf buchstäblich um jeden Preis in Gang halten. Der schockierende Rückgang von Produktion und Investitionen, so ihre Überzeugung, bedroht schon jetzt die Lebensgrundlagen der künftigen Generation.

Einmal hellte sich die Stimmung der Direktoren kurz auf. Der Diskussionsleiter hatte ein Telefax aus Moskau gereicht bekommen. Arkadij Wolskij, der Vorsitzende des Russischen Industriellenverbandes, las vor: Drei Minister und ein Staatssekretär aus Präsident Boris Jelzins Mannschaft hatten ihn unter die Führer eines drohenden „revanchistischen Umsturzes“ gerechnet. Wolskij, dessen wichtigstes Anliegen die Integration der Wirtschaft ist, hatte sich gerade zuvor energisch gegen jene Konferenzteilnehmer abgegrenzt, die die Regierung in Moskau mit einem Ultimatum unter Druck setzen wollten.

Alle Minister, die das Programm der Wirtschaftsreformen Anfang des Jahres gestartet hatten, reden jetzt vom drohenden Umsturz. Ihr Verdacht ist vage, aber die Furcht nicht grundlos. Nach fast einem Jahr Reformen ist die Marktwirtschaft kaum vorangekommen und der versprochene Aufschwung in weite Ferne gerückt. Deindustrialisierung, Desorganisation und Demoralisierung nehmen immer größere Ausmaße an.

Vizepräsident Alexander Rutzkoj nennt Rußland apokalyptisch eine „politische und ökonomische Müllgrube“. Die Privatisierung von Boden und Betrieben verdammt er als „Ausplünderung des Landes“. Als sofortige Konsequenz müßten mindestens sechs Minister zurücktreten. Eine „Koalitionsregierung“ solle die Wirtschaftsreformen dann langsamer und – vor allem für die großen Staatsbetriebe – schonender weiterführen. Kandidaten für ein solches Kabinett hat die Bürgerunion hinter den Kulissen schon benannt. Die immer mächtiger werdende Union ist ein loses Bündnis von drei zentristischen Parteien, in denen Rutzkoj und Wolskij den Kurs bestimmen.

Boris Jelzin, der Anfang Dezember auf dem VII. Kongreß der mehrheitlich konservativen Volksdeputierten um die Verlängerung seiner präsidialen Vollmachten ringen muß, wird nicht mehr darum herumkommen, noch im November unpopuläre Minister auszuwechseln. Ministerpräsident Jegor Gajdar beteuert zwar, weiter an der monetären Stabilisierungspolitik festhalten zu wollen, die der Internationale Währungsfonds (IWF) als Bedingung für Finanzhilfe verordnet hatte. Doch die Russische Zentralbank folgt dieser restriktiven Geldpolitik schon nicht mehr.