Von Christian Tenbrock

Amerikas langer Wahlkampf geht seinem Ende zu. Am kommenden Dienstag bestimmen die Wähler in den Vereinigten Staaten ihren nächsten Präsidenten, entscheiden zwischen Bill Clinton, dem Kandidaten des Wandels, George Bush, dem Bewahrer des Status quo, und Ross Perot, dem Publizisten des Verzichts. In der vergangenen Woche ist das Rennen wieder enger geworden – und dennoch: Treffen die Prognosen zu, wird es der Demokrat Bill Clinton sein, der das Land durch die schwierige Mitte der neunziger Jahre führt.

Wie nur wenige Wahlkämpfe zuvor war dieser von der Frage geprägt, welchen Weg die amerikanische Volkswirtschaft einschlagen muß, um in der Zukunft zu bestehen. Anders als manche leichtfertigen Urteile glauben machen, wurde während der vergangenen zwölf Monate durchaus Politik thematisiert: Neben aller manchmal absurden Auseinandersetzung über eheliche Seitensprünge oder Familiensinn blieb die Wirtschaft der Mittelpunkt des politischen Diskurses.

Im Vorwahlkampf der Demokraten waren es vor allem Clinton und sein stärkster Rivale Paul Tsongas, die sich den Wählern mit detaillierten Programmen präsentierten. Später zwang der texanische Milliardär Ross Perot mit seiner Forderung nach schmerzhaften Opfern auch die anderen Kandidaten dazu, sich der Diskussion um Defizite und Steuern zu stellen. Und selbst das amerikanische Wahlvolk zeigte sich besser als sein Ruf. Von politischer Apathie kann keine Rede mehr sein: Die Wahlbeteiligung wird am 3. November wohl weitaus höher liegen als vor vier Jahren.

Die Wähler verlangen nach Antworten, ihre Angst um Arbeitsplätze, Krankenfürsorge und die Zukunft ihrer Kinder diktierte den Kandidaten das Drehbuch für den Wahlkampf. Besser als viele im Washingtoner Politikdickicht gefangene Polit-Bürokraten spürten sie, daß Amerika wieder einmal am Scheideweg steht. Mit dem Ende des Kalten Krieges geht es nicht nur um neue außenpolitische Konzepte, sondern auch um eine Neuorientierung der Wirtschaftspolitik – im Innern wie gegenüber dem Rest der Welt. Die sozialen Probleme, von Rassenkonflikten über Armut bis hin zur Drogensucht, müssen gelöst oder zumindest entschärft werden, wenn Amerika seine Rolle als moralische Führungsmacht ernsthaft bewahren will. Schließlich gilt es, mit den strukturellen Komplikationen aufzuräumen, die die Wirtschaft seit 1990 zum gefesselten Riesen gemacht haben.

Noch immer lahmt die Konjunktur. Erst in der vergangenen Woche veröffentlichte das Wall Street Journal eine Umfrage, nach der mindestens ein Viertel der befragten 836 Unternehmen plant, im kommenden Jahr weitere Beschäftigte zu entlassen. Amerikas Job-Maschine läuft nicht mehr. Prognosen zufolge kann die Wirtschaft dieses Jahr um höchstens 1,8 Prozent und 1993 vielleicht um etwas mehr als zwei Prozent wachsen. Das reicht nicht aus, um mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Im Innern wird Amerikas nächster Präsident damit drei gravierende Krisen bewältigen müssen:

Die Wachstumskrise: Nach der Schuldenexplosion der achtziger Jahre sind Verbraucher und Unternehmen noch dabei, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen. Firmen bauen Arbeitsplätze ab, verunsicherte Konsumenten antworten mit Kaufzurückhaltung. Auch die Exporte, die bisher noch zum Wachstum beitragen konnten, schrumpfen. Zudem sieht sich das Land mehr als jemals zuvor dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt: Während in den sechziger Jahren nur sieben Prozent der Wirtschaft mit ausländischer Konkurrenz zu tun hatten, sind es heute siebzig Prozent.