Von Christoph Drösser

Zehnmal am Tag ist es irgendwo in Berlin wieder soweit: Ein unterirdisches Wasserrohr bricht. Die Folge: Die Straße wird aufgerissen, viele Haushalte sind einen Tag lang ohne Wasser, manchmal auch ein ganzes Stadtviertel. Schon ein heftiger Temperatursturz kann den teilweise hundert Jahre alten gußeisernen Leitungen den Garaus machen.

Solche Unannehmlichkeiten beschränken sich nicht auf Notfälle. In Hamburg sind zur Zeit ganze Stadtviertel zur Großbaustelle geworden, weil die Sanierung des Abwassernetzes überfällig ist. Aufgebuddelte Straßen sind ein Ärgernis: Die Baumaschinen machen Lärm, der Verkehr muß umgeleitet werden, spielende Kinder können in die Grube fallen. Und kaum ist nach dem Abzug der städtischen Kanalarbeiter der „Straßenkörper“ wieder notdürftig geschlossen, kommt die Telekom und verlegt Kabel – das gleiche Spiel beginnt von vorne.

Das Bild vom Körper ist durchaus treffend – mit dem wichtigen Unterschied, daß das menschengemachte Gewirr unterirdischer Adern und Innereien meist nicht organisch gewachsen ist, sondern ungeplant vor sich hin wuchert. Abwasser, Trinkwasser, Strom, Gas, Fernwärme, Telephon – für jede Leitung ist ein anderer Betreiber zuständig, und entsprechend oft kommen sich die Tiefbauer in die Quere.

1842 wurde die erste deutsche Kanalisation gebaut. Seitdem haben die Rohrverleger ganze Arbeit geleistet: Allein für die alte Bundesrepublik nehmen die Experten eine Gesamtlänge des Rohr- und Kabelnetzes von 2,7 Millionen Kilometern an – das ist siebenmal die Entfernung zwischen Erde und Mond. Wer etwas über die Qualität dieses Leitungsgewirrs wissen will, der ist weitgehend auf Spekulationen angewiesen.

Beim öffentlichen Kanalnetz kann man davon ausgehen, daß etwa zehn bis zwanzig Prozent der Siele beschädigt sind – und das bedeutet, daß einerseits etwa zehn Prozent unserer Abwässer gar nicht erst die Kläranlage erreichen, sondern unkontrolliert im Boden versickern. Umgekehrt dringt „Fremdwasser“ in den Kanal ein – im Schnitt etwa vierzig Prozent der Abwassermenge. Das belastet nicht nur die Kläranlagen, sondern senkt auch den Grundwasserspiegel ab. In den neuen Bundesländern ist die Lage noch dramatischer: Etwa die Hälfte des Abwassernetzes ist dort sanierungsbedürftig. Um die Kanalisation in Deutschland in einen akzeptablen Zustand zu versetzen, wäre eine Summe von etwa 100 Milliarden Mark nötig.

Für die anderen Leitungsnetze existieren selbst solche groben Zahlen nicht. Wieviel hochwertiges Trinkwasser die Wasserversorgungsunternehmen aufgrund schadhafter Leitungen in den Boden pumpen, bleibt ihr Geheimnis, aber eine Zahl von fünfzehn bis zwanzig Prozent ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen.