Der Skandal findet nicht statt. Ein Abgründchen von Landesverrat erzeugt ein Skandälchen. Und auch das schlug Wellen lang vor der Uraufführung von Urs Widmers kabarettistischer Polit-Revue "Jeanmaire. Ein Stück Schweiz" in Bern.

Ist es nicht verdächtig, mit welcher Empörung die Eidgenossen auf das – bewußt – scham- und geschmacklose Plakat reagieren, das der österreichische Maler und Graphiker Gottfried Heinwein mit der Detailgenauigkeit eines Photoapparates gepinselt hat? Heinweins Portrait eines alten, nackten Mannes, mit heruntergelassenen Hosen, den grauen Blumentopf der helvetischen Offiziersmütze auf dem Kopf, darf in der Stadt der Uraufführung nicht ausgehängt werden – ziert aber den Umschlag des Textbuches (Verlag der Autoren, Frankfurt am Main; 120 Seiten, 22-Mark) und die T-Shirts der jungen Damen, die in der Pause, sinnigerweise, Champagner der Marke "Jeanmaire" ausschenken.

Das Interesse der Alpenrepublik scheint sich auf die "Nacktszene" zu konzentrieren: Wird sich der Volksschauspieler Walo Lüönd ausziehen, womöglich Gesicht zum Publikum? Am Morgen nach der Uraufführung ist die Schweiz ganz gelb vor Werbeplakaten an allen Kiosken: "Walo Lüönd nackt!" Und Blick, eidgenössische Variante der Bild-Zeitung, hat als Aufmacher nichts Aufregenderes zu bieten als die 4,5 Zentimeter hohen Buchstaben dieser Verlockung: "Oh, là, là! Walos Po" und 5 (in Worten: fünf) rosig überhauchte Photos, auf denen, von der rechten Hinter-Seite aufgenommen, ein in Ehren graugewordener und zu einem Altersbäuchlein gekommener Darsteller in schwarzen Socken sich der Hose, des Unterhemds, der weißen Unterhose entledigt.

Die vielleicht puritanische, doch nicht prüde Schweiz im Sexfieber eines Altersheims? Welcher Skandal muß hinter dem Getue um den geheuchelten Affront einer Dreißigsekundenszene versteckt werden, in der Lüönd die Trauer tiefer Verletzung spüren läßt – und die Würde eines gedemütigten Menschen?

Da ist ja der seine Bilder-Schocks arrangierende Helnwein ehrlicher. Er ahnt, wovon die historische Figur des altgedienten Brigadiers Jeanmaire spricht, . der sich plötzlich als Spion verhaftet sieht und sich vor zwei Geheimdienstlern entblößen muß: "Die schlimmste Prozedur meines Lebens. Splitternackt stand ich vor den Uniformierten." Der Uniformträger, dem die Soldatenkluft zur zweiten Haut geworden ist, muß sich schutzlos Uniformmännern zeigen. Wie Lukas Leuenberger, Produzent dieses "Theaters in der Bundesstadt!" schreibt: "Das totale Entblößen und Zurschaustellen eines einzelnen Menschen in der Öffentlichkeit. Mit allen Mitteln der Polemik wurde Jeanmaire öffentlich unglaubwürdig gemacht und erledigt. Der Vorwurf, das Plakat sei unmoralisch und pietätlos, müßte sich doch eher an jene Moral und Pietät richten, die damals, über Nacht, eine Stimmung erzeugen konnten, welche gewisse Kreise dazu ermuntert hat, die Todesstrafe für Jeanmaire zu fordern."

In dem von Steuerbürgern am Leben erhaltenen Stadttheater der Hauptstadt war die Uraufführung eines von Urs Widmer ins Gemütvolle, Kabarettistische gewendeten politischen Skandalstücks nicht denkbar. So zieht Leuenberger mit seiner Truppe vor die Stadt, in eine kahle Fabrikhalle der Könizstraße in Liebefeld. Dort hat Ruedi Schärer eine wunderlich geniale Bühnenskulptur vor eine der Schmalseiten gebaut: die Schweiz als Holzgebirge. Breite, hohe, schmale Kisten sind übereinander getürmt, bilden Bühnenpodeste auf vielen Etagen, können sich öffnen in Wohnstuben, Büros, die Kerkerzelle, in der Jeanmaire zwei Drittel seiner Strafe von achtzehn Jahren verbringen mußte. Sein Verbrechen? Ein kleiner, redseliger, einsamer Kommißkopf und Kommunistenfresser wird von Kommißköpfen und Kommunistenfressern, seinen Kameraden seit über vier Jahrzehnten, 1976/77 verdächtigt als Verräter militärischer Geheimnisse.

Ein für den Kalten Krieg typischer Fall macht die Schweiz heiß: Ein Offizier wird Opfer. Obwohl Jeanmaire kaum mehr "verraten" konnte, als was sein Gesprächspartner aus der Botschaft der Sowjetunion nicht auch in Zeitungen hätte lesen können, wurde er im Eifer der Kommunistenjagd zum "Spion des Jahrhunderts". Inzwischen muß man die Verfehlungen des patriotischen Schweizers mit der Lupe suchen, auch wenn die allzeit um Ordentlichkeit bemühte Neue Zürcher Zeitung eine "Medienkampagne" wittert und von einem "ordentlichen Verfahren durch ein ordentliches Militärgericht" faselt. Der Redakteur der Weltwoche, Urs Rauber, spricht in seinem Buch "Der Fall Jeanmaire" (1991), ohne daß Regierung, Militärgerichtsbarkeit oder die NZZ Einspruch erheben, von einer "Kaskade von Rechtsverletzungen".

Natürlich bleibt eine solche Dokumentation, wie auch John le Carrés Studie, mit dem Originaltitel "Der unerträgliche Frieden", ohne (politische) Folgen. Urs Widmer tut gut daran, Dokumente und Argumente in zweiundzwanzig Szenen zu bündeln und witzig, mit Songs und hereinschwebenden Engeln, ganz in Brechts Manier, als Revue zu präsentieren. Rolf Lyssys in jedem Sinn flotte Inszenierung macht den Skandal öffentlich, also auf andere Weise diskutierbar. Dies ist und bleibt das Verdienst des Unternehmens. In der Form eines (Posse, Groteske, Kabarett nicht verschmähenden) Kasperl-Theaters (mit vielen aktuellen Anspielungen nur Schweizern ganz verständlich) erlebt der Zuschauer keine Sternstunde des Theaters. Aber wie gut, daran erinnert zu werden, daß Theater sich als politisch-moralische Anstalt in der Demokratie bewähren kann. Der alte Soldat Jeanmaire ist im Frühjahr gestorben, ehe er in einem dritten Prozeß seine Rehabilitierung hätte erreichen können. Die ihn gejagt, in den Kerker, in den Tod gehetzt haben, sitzen wohlversorgt in ihren Villen, im Lehnstuhl – und noch immer auf den Akten "Jeanmaire". Das ist der wahre Skandal. Rolf Michaelis