Von Anna v. Münchhausen

K indheit, das ist der Kampf um Freiraum, immer noch. Hops nicht so! Schrei nicht so! Sitz still! Verlangt wird die möglichst reibungslose Anpassung an die Tagesläufe der Erwachsenen, in der Stadt noch stärker als auf dem Land. Kind sein bedeutet, mehr oder weniger lückenlos beaufsichtigt und gehütet zu werden – und vielfach bedeutet das den Verlust von Selbstbestimmung und Freiräumen.

Die Zivilisation frißt ihre Kinder. Bereits in Kindergärten beobachten Ärzte und Psychologen: Sechzig Prozent der Drei- bis Sechsjährigen sind krumm und schief, zu steif oder zu schlaff (Haltungsschäden), dreißig Prozent zu dick, etwa ebenso viele leiden unter einem schwachen Herz-Kreislauf-System. Schäden, die sich in der Grundschulzeit dann noch verschärfen. Es gibt Klassen, in denen dreißig bis vierzig Prozent der Kinder Probleme haben mit der Koordination ihres Körpers. Sie können beispielsweise nicht ohne die Hilfe der Augen rückwärts gehen. Ihre Links-/Rechts-Unterscheidung, wesentliche Voraussetzung für das Verständnis von Zahlen und Rechenaufgaben, ist unterentwickelt. Ihr Gleichgewicht und ihre Raumvorstellung sind aus dem Lot.

Woher das kommt? Es deutet hin auf eine umfassende Deprivation, eine Unterversorgung mit sinnlichen Erfahrungen. Kinder um 1900 kannten etwa hundert Spiele, die sich ohne großen technischen Aufwand anboten; Kinder heute kennen etwa fünf. Und Spielen ist Bewegung. Auf allen vieren gehen, klettern, hüpfen, fallen, springen, balancieren – jedes davon ein Urbedürfnis und unendliche Lust von Kindern und doch heute gestutzt, behindert, unterdrückt. Fuß fassen, standhalten, den Rücken stärken, selbständig: Die Sprache kennt den Zusammenhang zwischen Bewußtsein und Bewegung gut, wir selbst kennen ihn viel schlechter.

„Vom Schwinden der Sinne“ heißt ein vielbeachteter Fernsehfilm von Reinhard Krahl, der die Folgen dieser Beschränkungen belegt. Neurologen wissen, welche entscheidenden Impulse Sinnesanreize für die Entwicklung der Motorik und des Gehirns bedeuten. Viel zu oft aber sind Bewegungsanreize heute kostbare Ausnahmegelegenheiten, mit denen Kinder ohne Anleitung schon gar nichts mehr anzufangen wissen.

Beweglichkeit kann nur durch Bewegung geübt werden. Natürlich gibt es Spielplätze. Aber wie kommt man hin, durch den tödlichen Verkehr? Natürlich gibt es Turnstunden: zwei, wenn es hoch kommt drei pro Woche, mit dreißig anderen Kindern. Natürlich gibt es unendliche Freizeitangebote für Wohlstandskinder: Fußball, Tennis, Ballett. Hochspezialisierte Bewegungsabläufe, noch dazu häufig ausgerichtet am Ehrgeiz der Eltern. Kinder heute „verkopfen“ viel zu früh. Ihre Fernsinne – Augen und Ohren – werden permanent gefordert, ihre Nahsinne – tasten, fühlen, schmecken, riechen – viel zu selten stimuliert.

All das ist nicht sonderlich neu. Neu hingegen ist die Dimension des Problems. Es gibt Grundschulklassen, in denen etwa die Hälfte der Kinder psychomotorische Nachhilfestunden braucht. Was in dieser Nachhilfe passiert, ist in Krahls Film zu sehen – und es wirkt zunächst unerhört banal: „Fallen wollen diese Kinder, immer wieder fallen und wieder aufstehen, schaukeln, sich spüren in der Bewegung. Haben sie das Schaukeln erst einmal für sich entdeckt, wollen sie gar nicht wieder damit aufhören.“ Diese Banalität aber ist nur ein Indiz für das Ausmaß des Defizits.