Nicht die Würde des deutschen Menschen, sondern die Würde des Menschen ist unantastbar. Das hat, die Verfassung zitierend, der CDU-Abgeordnete Heribert Blens kürzlich in seinem engagierten Beitrag zur Bundestagsdebatte über den Rechtsradikalismus in Erinnerung gerufen. Von nichts anderem wird auch Richard von Weizsäcker sprechen, wenn er am 8. November auf dem Berliner Gendarmenmarkt bei der Kundgebung gegen Ausländerfeindlichkeit auftritt. Daß der Bundespräsident als Schirmherr der Veranstaltung der einzige Redner ist, schon das ist eine Demonstration. Außer ihm wird nur noch eine Quedlinburger Bürgerin ein, wie es im Aufruf heißt, „Zeugnis von Zivilcourage“ geben.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Nicht nur die Prominenz der Parteien soll dabeisein, sondern auch die ersten Leute der Gewerkschaften und Kirchen, der Verbände und Firmen. Weizsäcker hat darauf Wert gelegt, daß nicht nur eine Kundgebung der Politiker, sondern der ganzen Gesellschaft zustande kommt.

Der Demonstration von oben, sozusagen, wird eine Woche später eine Kundgebung von unten folgen. Für den 14. November hat ein Trägerkreis, in dem sich viele alte Bekannte aus der Friedensbewegung wiederfinden, zu einem Treffen in Bonn zur Verteidigung der Grundrechte, zum Schutz von Flüchtlingen und zur Bekämpfung des Rassismus aufgerufen. Da geht es um Einzelheiten: um die Erhaltung des Asylrechts und der Rechtsweggarantie für Asylbewerber, gegen die Legalisierung von Lauschangriffen, gegen Kampfeinsätze der Bundeswehr in aller Welt. Die Veranstalter hoffen auf „Hofgarten-Dimensionen“, also auf 100 000 Teilnehmer, wie sie in den achtziger Jahren bei den Friedensdemonstrationen die weite Wiese vor der Universität füllten.

Soll die eine Kundgebung eine Demonstration des guten Willens sein, so ist die andere eine Aktion mit Blick auf die Asylentscheidungen des sozialdemokratischen Sonderparteitags zwei Tage später. Aber bei allen Unterschieden gibt es in Bonn doch gewissermaßen Stoßseufzer der Erleichterung: Die demokratischen Mühlen mahlen langsam, aber nach den vielen Wochen extremistischer Ausschreitungen mahlen sie nun endlich.

Was wird die Quedlinburger Bürgerin in Berlin berichten? Am Ende wird ihr Beispiel vielleicht am wichtigsten sein – ganz im Sinne von Konrad Weiß vom Bündnis 90/Die Grünen, der in der Bundestagsdebatte von dem nötigen Mut sprach, „dem Taxifahrer oder dem Kollegen, der von ‚Kanaken‘ spricht oder fremdenfeindliche Witze erzählt, über den Mund zu fahren“. Diese Courage, hunderttausendfach, das wäre was.

Carl-Christian Kaiser