Hätte es noch der Nachhilfe über die Gefahren des Protektionismus bedurft, die vergangenen beiden Wochen hätten ihn geliefert. Die Verhandlungen im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (Gatt) zur Liberalisierung des Welthandels ("Uruguay-Runde") könnten jeden Tag abgeschlossen werden. Die Amerikaner sind den Europäern weit entgegengekommen: Diese können wesentliche Teile ihrer Agrarsubventionen beibehalten, was ihnen zwar schadet, was sie aber wollen. Jetzt streitet man sich noch um subventionierte Ölsaaten-Exporte – eine Nichtigkeit, die in der Handelsbilanz mangels Volumen untergeht.

Trotzdem war am Wochenbeginn noch alles offen. Ein schneller Abschluß der Verhandlungen schien ebenso möglich wie eine Vertagung bis nach den amerikanischen Wahlen und damit faktisch bis weit ins nächste Jahr hinein. Wilde Gerüchte kursierten: Verzögerte etwa Kommissionspräsident Jacques Delors die Verhandlungen, um dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber Bill Clinton in den Sattel zu helfen? Wollen die beiden für Gatt federführenden EG-Kommissare Frans Andriessen und Ray MacShary gegen Delors putschen, um Gatt voranzubringen?

Vielleicht versuchen sich Europas Agrar- und Handelspolitiker nun doch für einen Augenblick vorzustellen, wie die Welt aussähe, hätten sie sich auf eine wirkliche Liberalisierung des Agrarhandels eingelassen. Dann stünde der europäischen Landwirtschaft zwar eine harte Anpassungskur bevor, aber die EG hätte auch die Mittel, um den Bauern mit einer wirksamen Sozialpolitik zu helfen. Viele Agrarier hätten sogar Aussicht auf neue Exportmärkte gehabt. Ein erfolgreicher Abschluß der Gatt-Runde hätte zudem der Weltkonjunktur einen wichtigen Impuls geben können.

Nun kommt die Anpassungskur für die Bauern auch so. Die Agrarverhandlungen sind in ein für den Außenstehenden kaum noch nachvollziehbares Geschacher um Quoten abgeglitten, das mit Freihandel nichts mehr zu tun hat. Frankreich, das einem Gatt-Abschluß am hartnäckigsten widerstand, steht sich mit diesen Quoten vermutlich schlechter als unter einem echten Freihandelsregime. Zudem hängt über der französischen Landwirtschaft die Drohung amerikanischer Strafzölle.

Die politischen Kosten sind noch größer. Weil beim Feilschen um Exportquoten die Interessenunterschiede unter den Europäern offen zutage treten mußten, ist die EG oft handlungsunfähig – ein Phänomen, das sich kaum auf Gatt begrenzen läßt. Einerseits verletzt Frankreich mit seinem Widerstand gegen Gatt massiv deutsche Wirtschaftsinteressen. Andererseits haben sich die Deutschen bisher gescheut, Frankreich zu isolieren; zu Recht, denn die deutsch-französische Zusammenarbeit ist die wichtigste Voraussetzung für die Rettung der Maastricht-Verträge. Die Regierung in Paris ist mittlerweile so schwach, daß sie unter dem Druck ihrer Bauern das gesamteuropäische Kalkül gar nicht mehr in Rechnung stellen kann. Bei alledem wartet Europa am Rande der Rezession und in einer äußerst heiklen politischen Lage vergeblich auf ein positives Konjunktursignal.

Und dies alles wegen ein paar Tonnen Weizen,Raps und Sojabohnen. Nikolaus Piper