Auf Rainer Frenkels Kritik an der Zeitschrift „Kursbuch“ (Nr. 109) in der ZEIT Nr. 43 antworten die Herausgeber Karl Markus Michel und Tilman Spengler

Behauptet immer noch jemand, unsere Kultur sei „logozentrisch“, sei von der Schrift beherrscht? Das mag für das banale Leben gelten, wo ein Analphabet ein gewisses Maß an Intelligenz benötigt, um sich durchzumogeln. Im sogenannten kulturellen Leben ist es anders. Da darf, wer bislang den Kontakt mit Büchern vermieden hat, zur Belohnung eine Rezension in der ZEIT schreiben: über das Kursbuch 109, „Deutschland, Deutschland“, das im September erschienen ist und von dem einige Exemplare offenbar verheftet in den Buchhandel gelangten.

Falsch gebunden? Das hat unser glücklicher Kritiker noch nie erlebt. Er vermutet dahinter Methode. Sechzehn Seiten doppelt gedruckt, sechzehn Seiten nicht vorhanden – wenn das nicht komisch ist! So komisch, daß ihm vor Lachen die Tränen in die Augen schießen und er nicht einmal mehr das Inhaltsverzeichnis zu lesen vermag. Ganz zu schweigen von den Beiträgen selbst. Er nimmt nur noch einen einzigen „Zeigefinger“ wahr und lutscht daran: „Die Schreiber haben alle die rechte Gesinnung.“ Was diese Schreiber, nämlich Jürg Laederach, Imre Kertész, Jane Kramer, Sonja Margolina, Horst Domdey, Hans Joachim Schädlich, Monika Maron, Eva Demski, Thomas Schmid und andere, zur Sache zu sagen haben, erfährt der Leser nicht. Der Rezensent stöhnt: „Aus ihnen quillt oberlehrerhafte Verachtung für die da drüben...“

Es stimmt, die Ex-DDR, ob nun vom Osten oder vom Westen, von innen oder von außen gesehen, schneidet nicht gut ab in diesem Kursbuch. Das paßt dem Rezensenten nicht. Es gibt ihm auch nicht zu denken. Er hat ja seine Meinung: Über das andere Deutschland soll niemand schlecht reden, keine Russin und keine Amerikanerin, kein Ungar und kein Pole; und ein DDR-Dissident schon gar nicht. Aber hatten wir das nicht schon einmal, vor gar nicht so langer Zeit?

Nun gut, wir stehen zur Meinungsfreiheit, selbst wenn sie im Gewand der Ignoranz daherkommt. Ärgerlich wird’s nur, wenn diese Ignoranz nicht einmal mehr durch Meinung drapiert wird. Nein, die Herausgeber verschweigen nicht, wann die Aufsätze entstanden sind. Mit drei Ausnahmen wurden alle für dieses spezielle Kursbuch geschrieben. Wir setzten allerdings auf die Intelligenz unserer Leser, als wir in den „Anmerkungen der Redaktion“ nicht aufführten, daß ein Text mit dem Titel „Galeerentagebuch 1980“ auch tatsächlich aus jenem Jahr stammt. (Das Buch von Kertész ist soeben erst auf ungarisch erschienen.) Bei Jane Kramer, der zweiten Ausnahme, hofften wir, daß die Datierung am Ende ihrer Reportage, nämlich „Frühjahr 1990“, eine hinlängliche Orientierung biete. Und auch bei Hans Joachim Schädlich glaubten wir voraussetzen zu dürfen, daß ein Hinweis auf den Berliner Literaturpreis von 1992 den Sachverhalt kläre. Aber man darf heute nichts mehr voraussetzen.

Nebenbei bemerkt: Wenn unsere Autoren ein Stück Geistesgeschichte rekonstruieren, dann stehen die Zitate stets in doppelten französischen Anführungszeichen mit Spitze nach innen, das ist der Fachausdruck, und das bedeutet, daß alles, was zwischen solchen Spitzen steht, Zitat ist, der Rest hingegen nicht, das scheinen Sie zu verwechseln.

Und schließlich, Herr Rezensent: Für Sie mag es ein Rätsel sein, warum wir unsere Autoren nur „auf zwei, drei kümmerlichen Zeilen vorstellen“; über Ihre Vita aber schweigt die ZEIT sich völlig aus. Immerhin verraten Sie uns, daß Sie das Kursbuch seit zwanzig Jahren nicht gelesen haben. Das klingt glaubwürdig, gerade auch nach Ihrer Kursbuch-Rezension.

Karl Markus Michel und Tilman Spengler