Von Marie-Luise Bott

Das Moskauer Ministerium für Kultur und Tourismus hatte am 7. Oktober ins Haus der Gewerkschaften eingeladen, um den 100. Geburtstag der Dichterin Marina Zwetajewa zu feiern. Anderntags stellte die 98jährige Anastassija Zwetajewa, die allen Festakten dieser Tage fernblieb, in der Presse klar, der Geburtstag ihrer Schwester falle auf den 8. Oktober.

Jewgenij Sidorow jedenfalls, der russische Minister für Kultur und Tourismus, präsidiert schon am 7. Oktober den Feierlichkeiten an der Puschkinstraße. Der prachtvolle weiße Säulensaal, unter dessen Kristalleuchtern einst mühelos 2000 Gäste auf den Bällen des Moskauer Adelsklubs tanzten und Rachmaninow und Tschaikowskij konzertierten, bevor die Revolution ihn den Gewerkschaften übergab – der Saal ist voll. Viele Nationalitäten sind zu sehen. Ganze Familien mit ihren Kindern sind gekommen, Studenten, Arbeiterinnen, die alte Intelligenz.

Auf der Bühne sitzen zur Linken und Rechten von Sidorow die Herren Literaten. Der alte Dichter Semjon Lipkin, 1911 geboren, erinnert sich an seine Begegnung mit der Übersetzerin Zwetajewa 1940 in Moskau. Wladimir Lakschin, Herausgeber der Zeitschrift Auslandsliteratur, zitiert Zwetajewas haßerfülltes Gedicht „Zeitungsleser“, um rechtzeitig vor den Schlußstrophen über die „Zeitungsschreiber“ abzubrechen. Der Dichter Wladimir Sokolow erzählt, wie ihm in den dreißiger Jahren Abschriften von Zwetajewa-Gedichten in die Hände kamen und er, der 27jährige, der sich mit Selbstmordgedanken trug, ein Gefühl für „Würde“ bekam und zu leben beschloß.

Andrej Bitow nuschelt sichtlich verlegen etwas von der Tragödie des russischen Volkes „und natürlich auch seiner Dichter“, der „großen Märtyrer“. Als Schüler habe er einen Gedichtband von 1919 aus dem Abfalleimer gefischt, darin Zwetajewas jugendliche Grabrede „Du gehst, so ging ich auch ...“ Und er zitiert die Antwort einer Petersburger Studentin auf seine Frage, warum sie Zwetajewa liebe: Sie liebte das, was „unnütz“ war, Byron zum Beispiel oder Marie-Antoinette; sie gedachte derer, die vergessen waren.

Da verliest Sidorow ein „soeben eingetroffenes“ Grußtelegramm des russischen Parlamentspräsidenten Ruslan Chasbulatow, überbracht von einem Kinder-Photomodell aus Feodossija: Auch er, Chasbulatow, lese die große Dichterin, möge ihr Wort ewig leben. Ein Stöhnen geht durch die Reihen. Nicht diese Töne mag man hören. Zuviel Falsch steckt in all dem offiziellen Pomp. „Leiser mit Lob“! Hat man nicht in diesem Säulensaal von den Aufgebahrten Lenin, Stalin, Breschnjew Abschied genommen? Der Blick fällt auf das riesige Zwetajewa-Portrait hinter Sidorow. Der stets ungeschminkten Dichterin hat man kräftig Lidschatten aufgelegt. Und um den Bildrand her ist kein Zweig, sondern ein ganzer Ast von Zwetajewas Lieblingsbaum, der Vogelbeere, genagelt. Statt der Verse „Als der Vogelbeerbaum / Die Blätter verlor, / Flammte er rot: / Ich wurde geboren“, erinnert man sich unwillkürlich an das späte Gedicht von 1934: „Sie haben die Eberesche gefällt“. In ihm beklagt Zwetajewa das Schwinden des Lebensrots ebenso wie den Verrat der Revolution. Pasternak wird später seinen Romanhelden Schiwago an lauter Ebereschen vorbei durch die russische Geschichte Spießruten laufen lassen.

Vor dem anschließenden Bombast romantischpathetischer Musik von Rachmaninow und Tschaikowskij, durchsetzt mit Rezitationen der Tragödinnen Kusnezowa und Demidowa, ergreift denn auch ein Großteil des Publikums die Flucht. Man war gekommen, um die Literaten über Zwetajewa zu hören. Aber es blieb doch noch immer eine Veranstaltung der althergebrachten offiziellen Art: ein wenig sentimental, ein wenig falsch und zu laut. „Sehnsucht nach Heimat, jedesmal / Entlarvte Illusion ...“