Von Dieter E. Zimmer

Auf Erlösungsphantasien kann Wissenschaft gut verzichten, auf Optimismus nicht: Ohne das zähe Bewußtsein „Wir bekommen es doch heraus!“ ist sie verloren. In den neuen Bundesländern will sich diese optimistische Grundstimmung aus Gründen, die mit der Forschung selbst wenig zu tun haben, heute nur schwer einstellen. „Buch“ ist da keine Ausnahme, obwohl die Nach-Wende-Rupturen hier insgesamt so glimpflich verlaufen sind, daß Beobachter aus größerer Ferne immer wieder sagen: Was wollt ihr denn, euch geht es doch gold!

„Buch“: das ist das Kürzel für das Max-Delbrück-Centrum am Nordrand Berlins, in Buch. Und Max-Delbrück-Centrum (MDC) ist der neue Name für eine von drei Großforschungseinrichtungen, die zur Zeit in Ostdeutschland entstehen. Ihr Thema ist die molekulare Medizin: ein Gebiet mit Zukunft, vielleicht das Forschungsgebiet der Zukunft. Langsam werden ja die Biowissenschaften erwachsen und schaffen sich Methoden, mit denen sie das Krankheitsgeschehen auf seiner untersten Ebene verstehen und entsprechend genau beeinflussen können – auf der Ebene der miteinander agierenden Moleküle.

Das MDC setzt die Arbeit von drei Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR fort, die Ende vergangenen Jahres das Zeitliche gesegnet haben: dem Zentralinstitut für Molekularbiologie (ZIM), dem für Krebs- und dem für Herz-Kreislauf-Forschung. Es waren drei stolze Institute, beileibe nicht irgendwelche. Das ZIM hatte Geschichte: Es nahm den Platz des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung um den Neuroanatomen Oskar Vogt ein – eben denselben, der zur Untersuchung von Lenins Hirn nach Rußland gerufen und 1936 von den Nazis „abgeschossen“ worden war. Vorwiegend aus Mitteln der Rockefeller-Stiftung war sein Institut 1930 in Buch angesiedelt worden, wegen der damals noch gesunden Luft und der Nachbarschaft zu den Bucher Krankenanstalten, auf einem Friedhofsgelände, das sich wegen des hohen Grundwasserspiegels als unbrauchbar erwiesen hatte und das nun heute zur unausgesetzten Verwunderung der alten Mitarbeiter Campus genannt wird. („Na warum nich. Det heißt ja ooch nur Feld.“)

Die drei Institute galten als führend nicht nur in der DDR, die die Medizin ja ernst nahm und relativ ungeschoren ließ, sondern im ganzen Ostblock. Darum auch waren sie für DDR-Verhältnisse nicht nur ausgemacht großzügig untergebracht und ausgestattet; auch das Arbeitsklima war anscheinend relativ gut. („Das war hier doch eine Oase der Liberalität. Na ja, nicht ganz. Vergleichsweise aber doch.“) Natürlich dachten die Mitarbeiter nach der Wende, daß sie mit ihren Labors etwas ziemlich Wertvolles in die neuen Zeiten einzubringen hätten und eine entsprechend rücksichtsvolle Behandlung erfahren würden.

Ob der Satz „Das ist aber eine schöne Immobilie“ wirklich gefallen ist, als dann die Evaluierungskommission des Wissenschaftsrats eine erste schnelle Bustour über das Gelände absolvierte, wird man nie wissen. Genug, daß es genau der Satz war, den man hier befürchtete. Nach wie vor bezeichnet er den Kern des Argwohns, der bis heute über „Buch“ liegt und die Laune empfindlich dämpft: daß nun die Wessis einrücken, irgend etwas ihnen Genehmes aus dem Ganzen machen und daß dabei für die „alten Bucher“ bald kein Platz mehr ist.

Ich frage Detlev Ganten, den Gründungsdirektor des MDC, einen international angesehenen Bluthochdruckforscher aus Heidelberg, der auch ein großer Diplomat ist und seinerzeit selber der Kommission angehörte, ob bei der Evaluierung, die zu einem etwas oberflächlichen und schnöden Gutachten geführt hatte, Fehler gemacht wurden. „Die faktischen Fehler waren nicht so gravierend, und sie sind vor allem korrigierbar“, sagt er. „Aber es war ein schwerer psychologischer Fehler, hier mit einer Heerschar unwissender Wessis in Konquistadorenpose einzufallen.“