Auf eine lange Reise begab sich die Journalistin und Reiseschriftstellerin Ella Maillart kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – in einem alten Ford von der Schweiz über die Türkei und den Iran nach Afghanistan. Begleitet wurde sie von ihrer Freundin Christina (diesen Namen wählte die Autorin als Pseudonym für die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach). Der Titel ihres Buches „Flüchtige Idylle“ bezeichnet wohl vor allem das zuweilen spannungsgeladene Verhältnis zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen, denn Christina hat gerade eine Entziehungskur hinter sich. Auch während der Reise spritzt sie sich Morphium und kann sich nur mühsam zusammenreißen. So dient ihnen diese Fahrt mehr zur Selbstfindung denn zur Befriedigung von Abenteuerlust. Länger als ein halbes Jahr sind sie unterwegs: die Journalistin, die unterwegs auf das Artikelschreiben als Broterwerb angewiesen ist, und die Tochter aus reichem Hause, die vor allem mitgefahren ist, um nach der quälerischen Kur zur Ruhe zu kommen.

Sie übernachten im Zelt, bei Bekannten, die sie von früheren Aufenthalten kennen, oder in einfachen Gasthäusern; sie überwinden in ihrem klapprigen Auto die steinigen Einöden Persiens und die hohen Pässe Afghanistans. Ella Maillart läßt in ihrem Text vielfach Resignation und Nachdenklichkeit spüren, nicht nur über Christinas Gesundheits- und Gemütszustand, sondern auch über die unsichere politische Situation in Europa, die selbst hier im Orient spürbar ist. Zu erfahren ist auch etwas über die Lage im Iran und in Afghanistan gegen Ende der dreißiger Jahre, über die „Modernisierung“, die gegen alle Traditionen radikal durchgesetzt werden sollen.

Das Hauptaugenmerk der beiden Reisenden gilt jedoch den landschaftlichen und den baulichen Schönheiten, den alten Moscheen und Grabmälern. Immerhin gelingt es ihnen, in Mesched das Grabmal Alis zu besuchen, ein moslemisches Heiligtum, zu dem Ungläubigen der Zutritt verboten ist. Ella Maillart kennt die Strecke bis Herat in Afghanistan bereits, sie ist sie einige Jahre zuvor schon einmal gefahren: Von dort aus bis Kabul reisen sie ins „Unbekannte“, teilweise auf noch nicht fertigen Straßen, sie sind auf die Hinweise der Bevölkerung angewiesen. Als Begleitung müssen sie einen Polizisten im ohnehin zu engen Auto dulden, denn man will die Frauen nicht ohne Aufsicht durchs Land lassen.

An ihrem Reiseziel, in Kabul, angekommen, erkrankt Christina schwer: Die Reisegemeinschaft löst sich auf, sie können nach monatelangem, engem Zusammenleben einander nicht mehr verstehen, wenn auch die gegenseitige Zuneigung nicht geringer geworden ist. Hella Leißner

  • Ella Maillart:

„Flüchtige Idylle. Zwei Frauen unterwegs“ (mit einem Nachwort über Annemarie Schwarzenbach)

eFeF-Verlag, Zürich; 233 S., 34,– DM