Buchstäblich der letzte Schrei sind Führungen und Spaziergänge über Friedhöfe. In zahlreichen Städten werden solche Touren inzwischen angeboten – saisonbewußt vor allem im Herbst.

Das Interesse an Friedhofsführungen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Der regelrechte Boom kommt nicht von ungefähr: Immer mehr Besucher entdecken, daß Friedhöfe viel mehr sind als nur trostlose Orte und Areale letzter Ruhestätten. Tatsächlich zeigen sie Kultur-, Kunst- und Stadtgeschichte aus ungewohnter Perspektive und werden gerade in den Großstädten auch als Ausflugsziele und grüne Oasen immer beliebter.

All diese Aspekte versuchen die jeweiligen Friedhofsführungen miteinander zu verbinden. Besonders groß ist das Angebot an solchen Touren in der Hauptstadt Berlin. Hier veranstaltet etwa das Kultur-Büro Berlin regelmäßig „kulturhistorische Spaziergänge“, deren Titel bereits für Originalität bürgen: „Von der greinenden Putte zur schlummernden Gräfin“ heißt eine Wanderung zu den Gräbern von E.T.A. Hoffmann, Adalbert Chamisso und anderen Literaten auf dem Friedhof vor dem Halleschen Tor.

Deutsch-deutsche Geschichte zeigt der Spaziergang „Vom Vorkämpfer zum Vorsitzenden“ über den Zentralfriedhof Friedrichsfelde mit dem zerstörten Denkmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, dem Grab von Käthe Kollwitz und dem Gedenkstein für die Parteigrößen der DDR. Auskünfte erteilt das Kultur-Büro Berlin, Rosemarie Köhler, Kirchstr. 16, W-1000 Berlin 21, Tel. 030 / 392 37 47.

Führungen über die acht Friedhöfe im Berliner Stadtteil Charlottenburg bietet das Heimatmuseum Charlottenburg (Schloßstr. 69, W-1000 Berlin 19, Tel. 030 / 34 30 32 01) an. Ziele sind unter anderem der Friedhof Heerstraße, der Britische Friedhof, der jüdische Friedhof am Scholzplatz und der Luisenfriedhof am Fürstenbrunner Weg. Hier ist auch das einzige deutsche Friedhofsmuseum (Fürstenbrunner Weg 37-67, W-1000 Berlin 19, Tel. 030 / 302 20 47) zu besichtigen, das die Geschichte der Totenacker und den wechselvollen Umgang der Menschen mit Tod und Beerdigung nachzeichnet.

Besonders geschichtsträchtig ist eine Führung über den Friedhof der Jüdischen Gemeinde Weißensee, dem größten jüdischen Friedhof in Europa (Herbert-Baum-Str. 42, 0-1120 Berlin, Tel. 030/965 33 30).

Auch auf anderen großstädtischen Friedhöfen werden Führungen angeboten. So etwa in Hamburg-Ohlsdorf, dem größten und ältesten Parkfriedhof Europas (Fuhlsbütteler Str. 756, 2000 Hamburg 63, Tel. 040/591 05-460). Spaziergänge über mehrere Münchner Friedhöfe offeriert die städtische Friedhofsverwaltung (Tel. 089/21-381). Sie führen unter anderem zum Friedhof im Perlacher Forst, zum Süd- und zum Waldfriedhof. Darüber hinaus werden in zahlreichen anderen Städten Spaziergänge über einzelne Friedhöfe veranstaltet, so zum Beispiel in Bonn, Heidelberg, Stuttgart oder Nürnberg. Auskünfte erteilen hier die örtlichen Friedhofsverwaltungen.

Fast alle der genannten Führungen und Spaziergänge werden nur selten zu festen Terminen, sondern in den meisten Fällen je nach Wunsch und Nachfrage durchgeführt. Viele Führungen sind kostenlos, bei den anderen richtet sich der Preis nach der Dauer der Führung und der Zahl der Teilnehmer. Marco Finetti