Von Fritz J. Raddatz

Das Düna Intercontinental – im Herzen Budapests am Ufer der Donau gelegen – war voll belegt, inklusive Konferenzsaal mit Simultan-Dolmetscher-Anlage für sechs Sprachen; Staatspräsident Arpad Göncz betrat den gotisch-barock-osmanischen Sitzungssaal des pompösen Parlaments, in dem Ministerpräsident Jöszef Antall die Eröffnungsrede und Sir Ralf Dahrendorf die Festansprache hielten; am nächsten Tag war es Außenminister Géza Jeszenszky, der zu einem üppigen Buffet ins Ethnographische Museum bat, bevor man den Ausführungen des türkischen Premierministers Süleyman Demirel oder des Präsidenten des Internationalen P.E.N.-Clubs György Konrad zuhören konnte – abends dann ein Empfang in der .Nationalgalerie, wo Adam Michnik mit einem Lord Champagner trank und der Chefredakteur von Nowoje Wremja dem Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung die Häppchen holte.

Was war das? Stellte Karl Lagerfeld seine neue Puszta-Kollektion vor? Präsentierte die Unesco einen Arte-II-Kanal für Mitteleuropa? Hatten die Verlage Springer/Murdoch/Maxwell/Burda/Gruner + Jahr sich zusammengetan, um die Bunte/Spiegel/TV/Hör zu/ZEIT für die ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten zu gründen? Nichts von alledem. Es war – mit Podiumsdiskutanten aus Korea und Kolumbien, Kenia und New York, sogar Frankfurt und Hamburg – die schlichte Jahresversammlung des IPI. Was aber ist EiPiEi? Das Ding, 1950 von dem New York Times-Redakteur Lester Markel gezeugt und 1951 in New York auf den Namen International Press Institute getauft (einer der fünfzehn internationalen Taufpaten: Erik Reger vom Berliner Tagesspiegel), ist ein Unikum, wenn nicht ein Widerspruch in sich selbst: Mit inzwischen 2000 Mitgliedern – Chefredakteuren, Redakteuren, Verlegern der bedeutendsten Zeitungen und Zeitschriften der Welt – ist das mit Sitz in London und Zürich agierende Institut eine der mächtigsten internationalen Öffentlichkeitsagenturen – deren Arbeit vornehmlich (und aus gutem Grund) nicht-öffentlich geleistet wird. Wenn man Glück hat und den acht Zehntel seiner Zeit reisenden Direktor Peter Galliner – Eingeweihte behaupten, es gebe ihn gar nicht, er habe sich vielmehr gleich einer Saul-Steinberg-Zeichnung selber erfunden – mal zwischen der Landung aus New York und dem Start nach Djakarta erwischt, erklärt er erstaunlich gelassen bei der Bloody Mary in Connaught: „Das IPI ist eine Mischung aus zurückhaltendem Herrenclub, internationaler GSG-9-Truppe des Journalismus und publizistischer amnesty international. Unsere Hauptaufgabe besteht nicht im Abhalten der durch prominente Redner und Podiumsmitglieder eher auffälligen Jahresversammlungen, sondern vielmehr im Gebrauch einer Macht zur diskreten Intervention, wo immer auf der Welt die Pressefreiheit eingeschränkt wird oder gar Journalistenkollegen in Gefahr sind. Deswegen unter anderem bin ich acht Zehntel des Jahres zwischen Hongkong und San Francisco, Djakarta, Tokio und Paris unterwegs, weil Interventionen – wohlgemerkt: keine Pressionen – wohlerwogen und mit Kollegen in einflußreichen Zeitungen und Zeitschriften oder Verlagen abgesprochen werden wollen.“

Tatsächlich liest sich die Liste der prominenten Redner auf den zurückliegenden Jahresversammlungen des IPI wie ein internationales Who’s who von Politik, Kultur und Journalismus: Valentin Falin, Carlos Fuentes, Mario Vargas Llosa, Nelson Mandela, Robert S. McNamara, Melina Mercouri, Danielle Mitterrand, Pierre Salinger, Wole Soyinka, Desmond Tutu. Diese Jahresversammlungen, die in den letzten Jahren in Madrid oder Amsterdam, Nairobi oder Florenz, Kyoto oder Berlin, Istanbul oder Buenos Aires stattfanden, sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Weniger sichtbar, aber dafür für Journalisten rund um den Globus als erstklassige Informationsquelle nützlich, ist das monatliche Bulletin IPI Report, das unpreziös, aber seriös und genau sowohl über die Neugründung einer russischsprachigen Ausgabe der New York Times (The New York Times in Review) mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren in 27 Städten der ehemaligen Sowjetunion informiert, wie in derselben Ausgabe einen kaum anderswo so detailliert und scharf berichtenden Kommentar über die Strangulierung der Pressefreiheit in Peru präsentiert.

Da das IPI – zu dessen internationalem Board of Directors 24 Mitglieder zählen – inzwischen einen NGO-Status (Nicht-Regierungs-Organisation) sowohl bei der Uno und der Unesco wie beim Europarat hat, sind Berichte dieser Art gleichzeitig auch eine Art Instrument: Wenige Regierungen möchten vor einem so machtvollen Forum in die Position des Angeklagten verwiesen werden und reagieren erfahrungsgemäß nicht nur mit Zusagen zur Abhilfe, sondern mit realen Veränderungen. Peter Galliner kann eine ganze Liste von Kollegen vorweisen, denen tatsächlich geholfen wurde, wie er auch stolz darüber berichtet, daß Restriktionen – ob in Griechenland oder in Indien – tatsächlich gelockert oder abgeschafft wurden. In welch verzwickten und kurvenreichen Rinnsalen solche Einflüsse gleichsam in einem Sickerprozeß zur Wirkung kommen können, zeigt die Marginalie, die Ralf Dahrendorf im Merkur nach seinem Auftritt in Budapest veröffentlicht hatte: „Der kurze Besuch in Budapest folgte der Einladung, bei der Jahrestagung des Internationalen Presseinstituts den Eröffnungsvortrag zu halten. Im Hotel erwartete mich die Nachricht, daß Ministerpräsident Antall mich sehen wolle. Ich kannte ihn nicht; für ihn aber war ich der Autor eines Buches, das er vor 30 Jahren nicht ohne Mühe gekauft hatte. Der Zoll wollte das offenkundig bourgeoise kleine Werk damals nicht hereinlassen, bis Jószef Antall auf dem Klappentext den Hinweis fand, daß ich meine Dissertation über Karl Marx geschrieben hatte. (Manchmal schafft die Einfalt der Herrschenden eine kleine Nische der Freiheit.)... Der Ministerpräsident stand unter allerlei teils selbstgeschaffenen, teils unfreiwilligen Bedrängnissen. ... Er ärgerte sich über die Medien, die ihn kritisch behandelten, und wollte gerade die Intendanten von Rundfunk und Fernsehen absetzen, und da Präsident Göncz aus beharrlicher Liberalität nicht mitspielte, am liebsten diesen gleich dazu. ... Wir ließen die schwierigen Themen nicht aus, aber das Gespräch nahm eine andere Wendung. Leise, nachdenklich und ein bißchen traurig sprach Antall davon, wie die Freunde von gestern, also aus dem Widerstand vor und nach 1956, es heute zunehmend schwierig finden, miteinander zu reden. Er habe versucht, einige der alten Kumpane hier an seinen Tisch zu bringen, aber zwischen Regierung und Opposition sei das Tischtuch zerschnitten. Ich erwähnte György Bence, den Philosophen, mit dem ich den Abend zuvor verbracht hatte. Der Ministerpräsident wurde sichtlich klamm. ‚Er berät die Opposition; er ist einer der schwierigsten.‘ Und Bence selbst, dem ich die Geschichte ein paar Wochen später erzählte, erwiderte böse: ‚Antall hat mit Widerstand nichts zu tun. Vielleicht war er heimlich, in seinem Privatzimmer gegen das Regime, aber gekämpft hat er nicht.‘“

Wenig auffällig auch sind die jährlich einmal stattfindenden seminarartigen Kolloquien, die mal in Chile oder Alma Ata, mal in Seoul, Stockholm oder Taipeh zu Themen abgehalten werden, die in Leitartikeln allein nicht erschöpfend behandelt werden können, deren Wichtigkeit aber nach so gründlicher Erörterung zwischen Fachleuten oft in Leitartikeln der dort teilnehmenden Chefredakteure, Herausgeber und Redakteure ihren Niederschlag finden.

Daß solche Veranstaltungen überhaupt stattfinden können, also auch finanzierbar sind, hängt zum einen damit zusammen, daß die Mitglieder – gleichgültig, ob das ein Verlag ist oder ein Journalist – Jahresbeiträge zahlen; zum anderen mit dem seltsamen Umstand, daß die meisten Teilnehmer, ob an den Jahresversammlungen oder an den Seminaren, einen Unkostenbeitrag entrichten und Reise und Aufenthalt selber zahlen (mit Ausnahme der Teilnehmer an Podien und der Redner). Das überfüllte Düna Intercontinental war also nicht etwa eine Wundertütenausschüttung an ohnehin gutbezahlte Journalisten, denen da ein kulturell und politisch verbrämter Betriebsausflug geschenkt, sondern ernsthafte Arbeit, die von den Teilnehmern selber finanziert wurde. Das ist auf andere Weise derselbe Widerspruch wie der, aus dem das Grundgesetz des IPI überhaupt besteht, nämlich die Macht von Publizität einzusetzen möglichst ohne selber Publizität zu erringen.