In jedem Herbst erlebt der Niederrhein einen zweifachen Ansturm: Wenn die Wildgänse aus dem Norden kommen, lassen auch die Touristen nicht lange auf sich warten.

Bis zu 150 000 Wildgänse fliegen in jedem Jahr von Skandinavien und Sibirien zum Überwintern an den Rhein. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat das Winterquartier der Tiere, die Flußauen und Wiesen am Unteren Niederrhein bei Kleve, als „Feuchtgebiet internationaler Bedeutung“ ausgewiesen. Und die Ornithologen der beiden biologischen Stationen der Region bemühen sich, die Vögel zu schützen. Doch sie haben zunehmend Probleme damit, denn die Tiere sind mittlerweile zu einer Touristenattraktion geworden. Tausende wollen das Naturschauspiel sehen.

„Die Leute suchen selbst in den entlegensten Ecken nach den Wildgänsen“, schimpft Volkhard Wille, Leiter der Naturschutzstation Kranenburg. Die großen Vögel werden durch die neugierigen Besucher aufgescheucht und fliegen panikartig auf. Dabei verliert jedes Tier einen Teil der Energie, die es als Fettreserve für den 4000 Kilometer langen Zug zurück in den Norden ansammeln muß.

Außerdem entstehen durch die Autos, mit denen die „Gänsetouristen“ anreisen, in dem ansonsten ruhigen Gebiet zwischen Duisburg und dem niederländischen Nimwegen Lärm und Abgase. Die Bläß- und Saatgänse, die im Winterquartier grasen und ihr Gefieder pflegen, werden verschreckt. Die Wissenschaftler befürchten, daß diese Störungen sogar negative Folgen für das Brüten und Großziehen der Jungen während der Sommermonate in Nordeuropa und Sibirien haben könnten.

„Wenn das so weitergeht, wird der Gänsetourismus zu einem immer größeren Problem für die Tiere, die Umwelt und die Landschaft am Niederrhein“, befürchtet Volkhard Wille. Dennoch möchte der Naturschützer niemandem den Besuch der Wildgänse verbieten.

Um die Besucherströme in den Griff zu bekommen und den Pkw-Verkehr von dem Feuchtgebiet fernzuhalten, bieten das Naturschutzzentrum Wesel und die Naturschutzstation Kranenburg an jedem Wochenende zwischen Mitte November und Anfang März Exkursionen zu den Wildgänsen an. Die dreistündigen Führungen beginnen jeweils samstags um 14 Uhr. Einzelreisenden und Gruppen bieten die Naturschützer ihre Hilfe an. Die Ausflüge zu dem Winterquartier der Gänse werden durch den Besuch der Ausstellung „Wintergäste am Niederrhein“, Dia- und Filmvorträge ergänzt. Durch dieses Konzept, das Vorbild für andere Regionen mit ähnlichen Problemen sein soll, hoffen die Ornithologen vom Niederrhein den Schutz der Tiere mit dem Interesse und der Neugier der Menschen sinnvoll verbinden zu können.

Weitere Informationen gibt es bei der Naturschutzstation Kranenburg, Bahnhofstraße 15, 4193 Kranenburg, Tel. 02826/59 34, oder beim Naturschutzzentrum Wesel, Diersfordter Straße 9, 4230 Wesel, Tel. 0281/6 56 76.

Sebastian Koerner