Von Rainer Frenkel

Jeder Wandel spielt sich bestenfalls verspätet und zögernd ab. Das trifft besonders für jeden Wechsel in Richtung des sogenannten Fortschritts zu ... Ein Schritt nach rückwärts hingegen ... ist viel einfacher". Thorstein Veblen

Veblen? Thorstein Bunde Veblen? Selbst Ökonomen versinken gern ins Grübeln, wenn dieser Name fällt. Aber halt, da war doch, da gibt es doch dieses "Veblen-Theorem" ... Was es besagt? Spätestens jetzt kehrt Verzweiflung ein.

Des Rätsels Lösung vorweg: Veblen sagt, daß reiche Leute teure Güter nicht wegen ihres Gebrauchswerts schätzen, sondern vor allem deswegen, weil Ärmere sie nicht bezahlen können. Entgegen der Lehrbuchweisheit steigt also die Nachfrage nach solchen Gütern mit dem Preis.

Daß aber der Entdecker dieser Einsicht, nach Albert Einstein ein "großer Mann", dessen Werk "nicht ausreichend gewürdigt worden ist", daß Thorstein Bunde Veblen also so wenig im Gespräch ist, hat vor allem einen Grund: Er war ein krasser Außenseiter unter den Ökonomen, zumal in seiner Zeit, und so ist sein Ruhm nicht recht weitergetragen worden. Er selbst, der seine höchst ungerade wissenschaftliche Laufbahn als Philosoph begonnen hatte, bestand darauf, Wirtschaftswissenschaftler zu sein. Manche seiner Kollegen bestritten das, weil er keine geschlossene Theorie vorweisen konnte und wollte. Sie nannten ihn einen Soziologen oder Sozialphilosophen. Man könnte ihn auch als Literaten rühmen.

Wo schon das Fach so wenig eindeutig zu benennen ist, fällt es naturgemäß schwer, die Richtung zu bestimmen. Klar ist allein, daß Veblen die orthodoxen Neoklassiker seiner Zeit um die Jahrhundertwende mißachtete. Dafür lobte ihn der heute 84jährige amerikanische Nationalökonom John Kenneth Galbraith. Und es spricht einiges dafür, daß sein technokratisches Denkmuster eingegangen ist in den New Deal von Franklin D. Roosevelt, dem Galbraith noch heute nahesteht: In den dreißiger Jahren wollte jener amerikanische Präsident Wirtschaft und Politik seines Landes mit einer Fülle von gezielten staatlichen Interventionen von Grund auf erneuern, und zwar unter dem Ziel der Chancengleichheit.

Doch der Misanthrop Veblen wollte wiederum keineswegs Sozialist sein, der kleine Mann interessierte ihn wenig. Und auch nicht Marxist, weil er den Gesetzmäßigkeiten der Lehre ebensowenig traute wie der Fähigkeit der Menschen, eine wirklich bessere Ordnung zu schaffen. Seine Lern- und Lehrzeit in der zweiten Industrialisierungsphase Amerikas hatte ihm alle Illusionen genommen.