Von Elisabeth Niejahr

Einen prominenteren Fürsprecher hätten sich die Banker aus dem Südwesten Chicagos kaum wünschen können. Kein anderer als der demokratische Präsidentschaftskandidat Bill Clinton hat ein Loblied auf ihr kleines Finanzinstitut zu einem festen Bestandteil seiner Wahlkampfreden gemacht. In den vergangenen Wochen pries er die South Shore Bank so häufig, daß er dort schon "Werbespot auf zwei Beinen" genannt wird. Und nicht nur das: Clinton will nach dem Vorbild des ungewöhnlichen Kreditinstituts ein Netzwerk von hundert Entwicklungsbanken aufbauen, sofern er die Präsidentschaftswahl am kommenden Dienstag gewinnt.

Beeindruckt hat Clinton, wie das Geldinstitut eines der ärmsten, überwiegend von Schwarzen bewohnten Stadtviertel Chicagos vor dem Verfall bewahrt hat. Das gelang vor allem durch die Vergabe von Krediten an kleine Unternehmen und an Hausbesitzer mit geringen Einkommen. Damit widerlegte die Bank das Vorurteil, daß in den ärmeren Vierteln amerikanischer Großstädte für Kreditinstitute keine Geschäfte zu machen sind. Bei anderen Banken gelten einige Kunden der South Shore Bank als zu riskante Kreditnehmer. Doch bei dem kleinen Institut liegt der Anteil nicht zurückgezahlter Darlehen deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Und seit ihrer Gründung erwirtschaftet die Bank regelmäßig Gewinne.

Die Kombination von sozialen und unternehmerischen Erfolgen macht das Modell auch für den Wahlkämpfer Clinton so attraktiv. Nach einem Sieg will er sich einiger der drängendsten Probleme seines Landes annehmen: der Armut, der Kriminalität und der Hoffnungslosigkeit in den heruntergekommenen Vierteln vieler amerikanischer Metropolen. Daß die Kreditvergabe der Banken hiermit durchaus etwas zu tun hat, weiß die amerikanische Öffentlichkeit spätestens seit den Rassenunruhen in Los Angeles im April dieses Jahres. Die Krawalle führten der Nation nicht nur vor Augen, wie schlecht es wirklich um einige Bezirke der Millionenmetropolen ihres Landes steht. Der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson wies damals den Banken einen Teil der Schuld zu. Er prangerte an, daß einkommensschwache Farbige kaum Chancen auf Darlehen hätten. "Die Brutalität der Banken", so Jackson, sei schlimmer als die "Brutalität der Polizei".

Im Oktober des vergangenen Jahres hatte die amerikanische Notenbank eine Untersuchung herausgebracht, die Jacksons Vorwürfe zumindest teilweise bestätigten: Schwarze Kunden mit Kreditwünschen wurden demnach von amerikanischen Banken 2,5mal häufiger abgelehnt als weiße Interessenten, selbst wenn sie über gleiche Einkommen oder ähnliche Sicherheiten verfügten. Latinos erhielten l,9mal so häufig eine Absage.

Regionale Erhebungen haben seither die Ergebnisse der Studie bestätigt. Sie zeigen auch, daß Banken in Wohngegenden von Minderheiten häufig überhaupt nicht vertreten sind. In Chicago beispielsweise gibt es in 15 von 77 Vierteln keine einzige Zweigstelle einer Bank – und in 14 dieser Viertel leben überwiegend Menschen dunkler Hautfarbe. Das verringert die Aussichten der Bewohner auf Kredite etwa für die Gründung von Unternehmen und für Hausrenovierungen.

Nicht nur die potentiellen Kunden sind betroffen. "Schließt eine Bank ihre Filialen in einem Bezirk, wird das oft als Zeichen gesehen, daß es dort bergab geht – und dann folgen andere Unternehmen und Privatleute", sagt Robert Freemann, ein Ökonomieprofessor der Harvard University, der die wirtschaftlichen Probleme amerikanischer Metropolen untersucht hat. Gerät ein Viertel erst einmal in den Ruf zu verkommen, wollen viele Bewohner so schnell wie möglich fortziehen, um Häuser oder Wohungen verkaufen zu können, ehe sie zu sehr an Wert verlieren. Bevor in South Shore die Bank gegründet wurde, zog es viele Bewohner in die Vororte, und mit ihnen gingen Geschäfte und andere Betriebe, also Arbeitsplätze. Etliche Häuser standen leer, einige brannten aus. Der Einzug von Straßengangs und Drogenhändlern schien nur eine Frage der Zeit.