Von Lothar Baier

Die Stigmatisierung eigenwilliger, das heißt von der jeweils herrschenden Lehrmeinung abweichender Glaubensauffassungen als verdammenswerte Häresien begleitet bereits die frühe Geschichte des Christentums, hat sich aber erst im Mittelalter zur ständigen, allgegenwärtigen Einrichtung entwickelt. Seit dem sporadischen Auftreten lokaler Ketzerbewegungen im 11. Jahrhundert wird der Häretiker zur Gestalt des Glaubenszerstörers modelliert, dem mit allen kirchlichen und weltlichen Mitteln das Handwerk zu legen ist. In kirchlichen Hetzschriften werden die christlichen Abweichler als Teufelsanbeter angeschwärzt, die sich unbeschreiblichen Orgien hingeben, sich am Blut rituell ermordeter Kinder laben, die Brunnen vergiften und Krankheiten verbreiten. Einmal in Umlauf gebracht, werden diese phantastischen Beschuldigungen zum frei flottierenden Material, das sich jederzeit abrufen und gegen beliebige Gruppen verwenden läßt: gegen Juden, gegen Aussätzige, gegen als Hexen verteufelte, aus der Reihe tanzende Frauen.

Das Zeitalter, in dem der Mythos des zu verfolgenden und zu vernichtenden häretischen Störenfrieds geboren wurde, zählt nicht zu den allerfinstersten Perioden des Mittelalters. Es war keine ausgesprochene Notzeit. Zahlreiche Zeugnisse aus dem 11. und 12. Jahrhundert deuten auf wirtschaftliches und demographisches Wachstum hin. Kirchenhistoriker sprechen von einer Zeit der kirchlichen „Renaissance“, in der sich das Papsttum reformiert und die Theologie sich unter dem Einfluß der von jüdischen und arabischen Gelehrten übermittelten griechischen Philosophie zu modernisieren beginnt. Handelt es sich um die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, oder hingen Ketzerei, verfeinerte theologische Gelehrsamkeit und das Entstehen einer „Verfolgergesellschaft“, wie der britische Historiker Robert I. Moore sich ausdrückt, miteinander zusammen?

In seinem „Ketzer und Professoren“ überschriebenen Werk stellt Heinrich Fichtenau, Historiker aus der mit Alphons Dopsch zu internationalem Ansehen gelangten Schule der österreichischen Mediävistik, Antworten auf diese Frage in Aussicht. Der erste Teil des auch für Nichthistoriker gut lesbaren, reich dokumentierten, aber nicht mit einschüchternder Materialfülle erschlagenden Buchs behandelt den Eintritt der Ketzer in die Gesellschaft des Hochmittelalters. Was ist in einen Landmann aus der Champagne gefahren, daß er plötzlich das Kreuz zerbricht und seine Frau verstößt? Was treibt Mönche dazu, das Kloster zu verlassen und in Städten und Dörfern gegen kirchliche Dogmen zu predigen? Der Autor lehnt die rationalisierende Deutung dieser Ketzerei als eine Ausdrucksform des bloß antiklerikalen Protests ab, der sich an dem unübersehbaren Sittenverfall innerhalb der Kirche entzündet. Die Häretiker verstummen ja nicht nach der gregorianischen Reform vom Ende des 11. Jahrhunderts. Sie predigen nicht gegen einen verkommenen Klerus an, sondern verkünden einen anderen Glauben. Sie glauben nicht an irgendein göttliches Wirken innerhalb der irdischen Angelegenheiten, deren gottverlassene Nichtigkeit sie unterstellen, sondern sehen das Gottesreich erst jenseits der materiellen Welt beginnen.

Fichtenau begnügt sich nicht damit, den Einfluß aus dem Orient stammender Lehren auf die ketzerischen Thesen zu behaupten. Er zeichnet anschaulich die Wege nach, die solche Einflüsse genommen haben. Der aufblühende Fernhandel bringt mit begehrten Waren auch neue Ideen ins westliche Europa. Der Bau immer prächtigerer Kathedralen, Symbol der auftrumpfenden Kirchenmacht, lockt Massen spezialisierter Handwerker vor allem aus Italien an, und dort hat die über den Balkan ins Land gelangte Lehre des byzantinischen Häretikers Bogomil bereits Fuß gefaßt. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts haben sich die Anhänger der abweichenden Heilslehre vor allem im Süden Frankreichs so weit vermehrt, daß sie in aller Öffentlichkeit unbehelligt Versammlungen abhalten können. Sie lassen sogar aus Konstantinopel einen bogomilisch-häretischen Bischof anreisen, der auf einer Art Konzil Weihen vergibt und organisatorische Ratschläge erteilt. „Was wir als Katharertum bezeichnen, ist eine westliche Weiterbildung dieser (bogomilischen) Sekte“, schreibt Fichtenau, eine unter Ketzerhistorikern umstrittene Frage nach sorgfältiger Prüfung überzeugend beantwortend.

Gleichzeitig machen sich einzelne lesekundige Mönche und Weltgeistliche daran, über die jahrhundertealten kanonischen Schriften der Kirchenväter hinauszudenken, ausgerüstet mit den Instrumenten der griechischen Naturphilosophie. Aber sie denken unter strikter Aufsicht, da die inzwischen alarmierte Kirche jede neuartige These als Symptom bedrohlicher Ketzerei brandmarkt. Fichtenau zeigt sehr schön, wie unter der Decke des offiziell akzeptierten platonischen Mythos Denkformen eingeschmuggelt werden, deren Vorbild das aristotelische Argumentieren nach Vernunftgründen ist. In diesem Zusammenhang ist von einer „Wiedergeburt der Kultur durch schriftliche Arten des Denkens“ die Rede. Obgleich der Häresie geziehen, hat dieser Ansatz zu einer Rationalisierung der Theologie nach Ansicht des Autors mit dem katharischen Einspruch gegen die katholische Orthodoxie nicht das geringste zu tun. Die Katharer sind ihm zufolge bei der volkstümlichen Allegorie stehengeblieben, die Frühscholastiker dagegen zur nichtallegorischen Argumentation vorgedrungen.

Es fragt sich jedoch, ob eine solche scharfe Trennung durchweg aufrechterhalten werden kann. Vom Denken der Katharer ist im Gegensatz zu den Schriften der scholastischen Theologen nicht viel überliefert worden, eben nur das, was ihre Verfolger passieren ließen. Bei ihren Disputationen mit Vertretern der katholischen Orthodoxie haben die katharischen Schriftkundigen allem Anschein nach durchaus argumentiert und nicht nur in Bildern gesprochen. Georges Duby vertritt die Ansicht, daß das Auftreten des Katharismus die katholischen Theologen geradezu dazu gezwungen hat, an ihrem Dogma zu arbeiten. Die Katharer lebten schließlich in der gleichen Welt wie ihre Widersacher und unterlagen dem gleichen Wandel der „Mentalität“, von dem Fichtenau spricht. Als Ausdrucksform von Mentalität wäre die Dichtung der Troubadoure aus der Zeit der Ketzerei ein interessanter Studiengegenstand, aber sie wird in diesem Buch ohne weitere Umstände dem „höfischen Spiel“ zugeschlagen. „Es ist nicht wahr“, schreibt Fichtenau, „daß die Gedichte der Troubadours symbolisch aufzufassen und Ausdruck ihres Katharertums sind.“ Darüber läßt sich streiten und ist viel gestritten worden: Merkwürdigerweise erwähnt Fichtenau mit keinem Wort die Untersuchungen der aus der österreichischen Schule hervorgegangenen, nach Frankreich emigrierten Historikerin Lucie Varga, in denen die Frage nach dem häretischen Geist der Poesie des berühmten Peire Cardenal mit einem leicht eingeschränkten Ja beantwortet wird.