ZDF, Dienstag, 3. November, 23.15 Uhr: „Stilleben“ – Fernsehfilm von Thorsten Näter

Könnte so die Hölle aussehen? Kaltes Licht von sechs nackten Glühbirnen fällt auf pritschengleiche Betten, der Boden blank gescheuert, das Zimmer abgedunkelt und an einer Wand nichts als Monitore, auf denen Testbilder laufen, davor ein Stuhl, unheimlich, wie für eine Hinrichtung.

Ein Szenario besonderer Art: Denn hier versammeln sich sechs Menschen – zwei junge Frauen, vier junge Männer –, die sich, bis auf zwei, nicht kennen und doch auf Gedeih und Verderb voneinander abhängig sein werden. Sie haben sich für viel Geld einem Pharmakonzern zur Verfügung gestellt, um in völliger Isolierung rätselhafte Medikamente zu testen, über die der Zuschauer nichts Näheres erfährt.

„Die Hölle, das sind die anderen“, dieser Satz aus Jean-Paul Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ drängt sich sogleich auf, als zu den zwei bereits drinnen Hockenden die vier anderen sich gesellen. Schüchtern betritt Jan den Raum, ein Mann ohne Eigenschaften, wie es scheint, der jedem wortlos die Hand reicht. J. J., in Lederkluft, mit Schweißerbrille, zieht lautstark einen Werkzeugkasten hinter sich her und gebärdet sich so, als gelte es, einem Produzenten sein Showtalent in nur einer Minute zu beweisen. Auf tritt Gerda, rot die Lederjacke, kurz der Rock, Skepsis und Trotz schwingen in ihrer Stimme: „Was soll denn das hier werden, ein gemischtes Doppel, oder was?“ Mit einem kurzen „Tag“ erscheint Nina, verhuscht, ein nervöses Flackern in den Augen. Dann fällt die schwere Tür ins Schloß. Stille.

Da sitzen sie, die sechs Probanden, jeder darauf bedacht, sich von nichts und niemandem beeindrucken zu lassen. Sie wollen nur das eine: den Test rasch hinter sich bringen. Doch wo es kein Entrinnen gibt, gelten andere Gesetze. Jeder belauert jeden, und wenn zwei doch einmal ins Gespräch kommen, werden aus ihren Worten persönliche Bekenntnisse. Ist dieser Innenraum, in dem die Zeit aufgehoben scheint, nur ein Spiegel für die Außenwelt? Während Sartre sich in seiner „Geschlossenen Gesellschaft“ ganz auf das Innen konzentrierte, führt Regisseur Thorsten Näter in sein Fernsehspiel so etwas wie eine Mauerschau ein. Immer wieder läßt er einen seiner Protagonisten ans Fenster treten und durch die Jalousie auf die Straße schauen. Was sich ihnen dort zeigt, ist Tristesse („Die Wolken hängen so tief, als wollten sie gleich an die Häuser stoßen“), eine blinde Geschäftigkeit („Sie rennen in die Läden rein, als wenn es morgen nichts mehr gibt“), sind Leben, die nicht gelebt, sondern nur beobachtet werden („Sie starren auf die Straße und warten darauf, daß ihnen ein Leben vorgelebt wird, was interessanter ist als ihr eigenes“).

Und dann die Hiobsbotschaft: Die Medikamente sind augegangen, die Apparate funktionieren nicht mehr, und die Tür bleibt verriegelt. Wähnten sich die Probanden bis dahin noch von einer ordnenden Autorität gelenkt, sind sie jetzt Teil eines Plans, den sie nicht mehr verstehen. Was werden sie tun? Resignieren – oder das Leben neu begreifen lernen?

Anne Frederiksen