Von Silke Martens

Was „langzeitarbeitslos“ ist? Überlegt die dreizehnjährige Gymnasiastin Kathrin: Das ist, sagt sie schließlich, wenn einer lange keine Arbeit hat. Es ist sozusagen die Steigerung von arbeitslos.

Nach amtlicher Definition ist derjenige langzeitarbeitslos, der ein Jahr lang vergeblich nach einem Arbeitsplatz gesucht hat. Damit ist ein Zeitraum als langfristig festgelegt, der die „kurzfristige Arbeitslosigkeit“ von bis zu drei Monaten Dauer deutlich übersteigt. Die durchschnittliche Anzahl der „Verweilmonate“ in der Arbeitslosigkeit hat sich in den vergangenen Jahren dem Maß für Langzeitarbeitslosigkeit genähert. Im Jahre 1991 waren in den alten Bundesländern 455 000 Personen betroffen; eine rückläufige Zahl, aber noch um 350 000 Personen stärker als 1980. Für Ostdeutschland wird die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf 600 000 geschätzt. Mit steigender Tendenz, wie die Bundesanstalt für Arbeit erklärt.

Werner Peters war langzeitarbeitslos. Er war 48 Jahre alt, als er 1984 seinen Arbeitsplatz verlor. Wegen „konjunktureller Rationalisierung“, kommt es ihm schwer und genau über die Lippen. Ein Vierteljahrhundert lang war der gelernte Einzelhändler im Außendienst tätig gewesen. Während er in den ersten Monaten der Arbeitslosigkeit die viele freie Zeit im Haus und im Garten nutzte und sich ein wenig wie ein Langzeiturlauber vorkam, änderte sich allmählich das Lebensgefühl, für ihn spürbar nach einem halben Jahr. „Nixnutzig“ kam er sich vor, nahm jede Arbeit und Hilfsarbeit an; eine Dauerbeschäftigung war nicht dabei. Strukturelle Veränderungen im Außendienst machten eine Rückkehr in den vertrauten Arbeitsbereich unmöglich. Kam es zu Vorstellungsgesprächen, hörte er: „Sie sind zu alt. Was müssen wir in Sie investieren? Und wie lange werden wir noch Gutes von Ihnen haben?“ Werner Peters zeigte Verständnis dafür, daß junge Bewerber einem alten Hasen wie ihm vorgezogen werden.

Die Wende in seinem Leben geschah 1991. Durch ein Praktikum im Rahmen einer Fortbildung fand er einen neuen Arbeitsplatz in seinem erlernten Beruf als Lebensmitteleinzelhändler. Finanziell mußte er zurückstecken, „aber das war nach dreißigjähriger Ehe, mit bezahltem Haus und erwachsenen Kindern möglich“, sagt er. Wenn er heute an die Jahre der Arbeitslosigkeit zurückdenkt, fällt ihm ein, wie ungerecht er seine Familie behandelt hat, wie unausgeglichen er war. „Keiner, der nicht betroffen ist“, sagt er, „kann sich vorstellen, was es bedeutet, arbeitslos zu sein. Ich werde jetzt wieder gebraucht. Der Seelenfrieden kommt dann ganz von allein.“

Der Anteil der Langzeitarbeitslosen unter allen Arbeitslosen liegt in den alten Bundesländern bei 27 Prozent; im Gebiet der ehemaligen DDR nahe 50 Prozent. Wer keinen Berufsabschluß hat, mit gesundheitlichen Einschränkungen leben muß oder zu den älteren Arbeitnehmern gehört, bildet den Personenkreis, der statistisch häufig von Arbeitslosigkeit betroffen ist. Dauert sie ein Jahr lang an, kommt die Langzeitarbeitslosigkeit zu den genannten Merkmalen als „Vermittlungshemmnis“ hinzu. Ratlos ist die Arbeitsvermittlung über den nicht geringen Kreis qualifizierter Arbeitsloser, der in die Langzeitarbeitslosigkeit geglitten ist.

Otto Siemens war langzeitarbeitslos. Er ist gelernter Schlosser. Eine Bandscheibenerkrankung machte ihn 1978 mit 35 Jahren berufsunfähig. Er schulte um und qualifizierte sich Anfang der achtziger Jahre als Kaufmann. Zusätzlich mit Diabetes belastet, fand der nicht mehr ganz junge Berufsanfänger keinen Arbeitsplatz. Die Ehe zerbrach, Freunde wendeten sich ab. Erinnerungen an die Nachkriegszeit wurden wach: Damals hatte der Flüchtlingsjunge Otto sich auf dem Schulweg allein gegen die Übermacht der einheimischen Jungs durchsetzen müssen. Otto Siemens hielt Krankheit und Arbeitslosigkeit dreizehn Jahre stand.