Von Hubertus Breuer

Daß diese Sachen kurz gefaßt sind, liegt an meiner persönlichen Faulheit und an meiner mangelnden Konzentration, die grundsätzlich net viel länger währt als eine Stunde. Jetzt laß mich einmal schnaufen..." Am 23. August 1978 wird norbert c. kaser, der sich selbst wie alles klein schrieb, von wenigen Freunden begleitet, in Bruneck in Südtirol, wo er auch aufgewachsen ist, zu Grabe getragen. 31 Jahre hat er gelebt. In dieser Zeit ist er selten über seine Heimat hinausgekommen – und doch ein Vagant gewesen. Ständig auf der Suche nach Geborgenheit und Anerkennung – treu sind ihm bis zuletzt aber nur der Alkohol und die Literatur. Kapuzinernovize, Volksschullehrer, Mauteinheber, meist arbeitslos – und stets originärer Dichter, der, obwohl er zu Lebzeiten kein Buch veröffentlicht, die Feder nie aus der Hand legt, da sie neben dem Wein sein einziger Halt im Leben ist.

1988, zu seinem zehnten Todestag, erschien der erste Band einer dreiteiligen Werkausgabe. Der Gedichtband wurde von der Literaturkritik begeistert gefeiert. Beim Wiederlesen der Gedichte wird deutlich, daß dies nicht allein in einem postumen Mitleid der Öffentlichkeit mit Kasers tragischem Schicksal begründet war: Klar im Ausdruck ungebändigter Sensibilität, empfindsam in sehr direkten, schlichten Bildern, stimmig in der oft radegebrochenen Form, frech in seinen Spitzen schreibt Kaser so, daß es trifft. In der radikalen Beschränkung auf seine Erfahrungswelt steht er der "Neuen Subjektivität" der siebziger Jahre nahe, doch unter den Scharen, die dem Banner des Zeitgeistes folgten, hebt er sich eigenständig durch eine wildgewachsene Zartheit hervor: "bald III die bergseen kriegen / graugrüne augen / bald / geht das heu zur neige II die hennen legen / auf ostern zu / bald / bleibt der ofen ohne holz // die tage steigen / in langes licht / bald / ist mir nimmer kalt / & ich bei Dir II leer vom winter her".

Die Texte des zweiten Bandes der Werkausgabe bestätigen diesen Eindruck auch für Käsers Prosa. Dabei legt ein dem Buch gleich einem Filmabspann angehängtes Interview (dem auch das einleitende Zitat entstammt) offen, aus welchem Grund Kaser keine längeren Texte schreiben wollte und konnte. Fortwährend ist er von der ihn augenblicklich umgebenden Welt gefesselt. Was ihm begegnet, erfährt er wie ein Kind, als sähe er es zum ersten Mal: "Also ich empfinde noch einiges Staunenswertes in der Gegend und falle natürlich prompt auf dieses Staunenswertes in der Gegend und falle natürlich prompt auf dieses Staunenswerte herein, mit großen Augen. ... meine Augen sind ... so groß, daß ich sie gar nicht mehr aufzumachen brauche. ... Der Andere wiederum ... tut sich sehr leicht, sämtliche Ergebnisse, sämtliche Erscheinungsformen zu katalogisieren bitte: eine Hure, Prostitution – genau – Enzyklopädie fertig."

Das Strohbündel Welt ist für Kaser durch keinen rationalen Faden zusammengehalten. Er kennt kein Kontinuum, folglich auch keine linear erzählten Geschichten. Für ihn entspricht "die Verschiedenheit der Dinge der Wahrheit". Der Dichter kann auf die "Verschiedenheit" nur reagieren.

Kaser reagiert, indem er sich in die Literatur – wie in den Alkohol – zurückzuziehen versucht. Denn hochsensibel, ist er doch zu schwach, sich der Welt entgegenzustellen: "ich war als kind viel krank ich war koerperlich immer der schwaechste das hat mich gezwungen andere kraefte zu entwickeln mich auf mich selbst zu konzentrieren". Seine Texte sind "ausfluechte, ausfluchten und flueche". Im zweiten Band finden sich viele Märchen, Grotesken, Legenden, aber auch Gebrauchstexte und bissige Glossen für die deutsche Seite der norditalienischen Zeitung Alto Adige.

In dieser Fluchtbewegung des Schreibens rettet er Augenblicke einer zerfallenden Welt: Augenblicke der Inspiration, des Schreibens und die Zeit des Erzählten. In seinen literarischen Liebeserklärungen schreibt er, was er in Briefen in dieser schutzlosen Deutlichkeit kaum wagt: "eine zahme kraehe moecht ich Dir sein im koernerleeren winterfeld der schnittigen kaelte ausgesetzt auf hartem schnee meinen durst stillen mit kristallen des rauhreifs an den erlen laengs der dampfenden rienz." Wirkliche Auseinandersetzung scheint er hier aber nicht zu suchen. Zwar nimmt er ständig Bezug auf seine Lebenswelt, doch versucht er, bestehenden Konflikten durch Verschriftlichung ihre Schärfe zu nehmen. Es geht ihm nicht darum, Spannungen literarisch zu verdichten. Als lebenslanger Außenseiter scheut Kaser die Welt. So endet die zitierte Liebeserklärung: "erwarte nie daß ich mich auf Deine schulter setz traulichkeit ist nichts fuer meinesgleichen".