Von Michael Braun

Uns Heutigen erscheinen sie wie Figuren einer längst vergangenen heroischen Epoche: Alexander Xaver Gwerder, Rainer Maria Gerhardt und Werner Riegel, die jung-genialischen Dichterrebellen der fünfziger Jahre, die mit kühnen Poetologien wider das literarische Establishment ihrer Zeit antraten – ohne im Literaturbetrieb je Gehör zu finden. Ihre leidenschaftliche Apotheose der dichterischen Existenz wirkt heute, da geschäftige Routine und eine durch nichts mehr erschütterbare „Professionalität“ zur Regel geworden sind, hoffnungslos anachronistisch.

„Dichtung“, so definierte es 1951 der damals 24 Jahre alte Rainer Maria Gerhardt, „ist ein lebensgefährliches beginnen, die Schreckschüsse der dadaisten sind noch nicht verhallt, und eine furchtbare Wahrheit steigt herauf, ein vers von erheiternder pracht und großer faszination kann morgen das todesurteil seines dichters sein.“ Käme ein junger Lyriker in unseren Tagen mit solcher Emphase daher, das Gelächter seiner Kollegen wäre ihm sicher. Außenseiter wie Gerhardt oder Gwerder folgten dagegen ihrem Poesiebedürfnis bis zur letzten bitteren Konsequenz. Rainer M. Gerhardt wählte 1954 den Freitod, nachdem er sich mit seinem Ein-Mann-Verlag hoffnungslos verschuldet hatte. Auch das Dichterschicksal des Alexander Xaver Gwerder steht unter dem Zeichen deprimierender Ausweglosigkeit. Im Juli 1949 hatte der damals 26 Jahre alte Gwerder erstmals vier Gedichte in der einflußreichen Züricher Tageszeitung Die Tat veröffentlicht, an der Melodik Rilkes geschulte Verse, die ihm hohes Lob von Erwin Jaeckle und Max Rychner, zwei der bedeutendsten Schweizer Literaturkritiker, eintrugen.

Auch Karl Krolow und Oda Schaefer, mit denen Gwerder 1950 zu korrespondieren begann, erkannten sofort das poetische Talent des jungen Schweizers. Die exklusiven literarischen Zirkel der Schweiz blieben dem Autodidakten Gwerder jedoch stets verschlossen. An den formvollendeten Gedichten des gelernten Buchdruckers und Offset-Kopisten, dem seine berufliche Tätigkeit nur wenig Zeit zum Schreiben ließ, zeigten die renommierten Schweizer Verlage kein Interesse.

Im April 1951 fiel Gwerder ein Gedichtband von Gottfried Benn in die Hände – wie für viele Dichter seiner Generation, wie für R.M. Gerhardt und Werner Riegel, wurde auch für Gwerder diese Lektüreerfahrung zum literarischen Schlüsselerlebnis, das sich bald in seinen Gedichten niederschlagen sollte. Die Literaturkritik seiner Zeit hat ihn deshalb unter die Benn-Epigonen eingereiht. Wie ungerecht dieses Urteil ist, zeigt die Auswahl von Gwerder-Gedichten, die Roger Perret zusammengetragen hat.

Neben den schönsten Stücken aus dem einzigen zu Lebzeiten Gwerders erschienenen Gedichtband „Blauer Eisenhut“ (1951) und den Nachlaßbänden „Dämmerklee“ (1955) und „Land über Dächer“ (1959) legt Perret auch bislang unveröffentlichtes Material vor. Zweifellos weht aus vielen dieser Verse der melancholische Sirenengesang Benns herüber. Den „Statischen Gedichten“ nacheifernd, evozieren Gwerders Verse das Lebensgefühl einer „großen Verlorenheit“. Die Benn-Begeisterung manifestiert sich in nahezu direkten Übernahmen charakteristischer Motive und Stilmittel, in feierlich tönenden Kreuzreimen und raunender Beschwörung der Bennschen Topoi „Schatten“, „Melancholie“ und „Leere“.

Aber man entdeckt neben solchen Benn-Imitaten auch zahlreiche Gedichte, in denen die originäre poetische Stimme des Dichters Gwerder vernehmbar wird. In diesen reimlosen, prosaischen Versen von aggressiver Schärfe artikuliert der radikale Pazifist Gwerder seinen kalten Haß auf die militarisierte Gesellschaft der Schweiz. Seit er das soldatische Dasein 1942 am eigenen Leib erlebt hatte, war Gwerder zum kompromißlosen Gegner des Militärs geworden. Der jahrelang schwelende Konflikt mit den eidgenössischen Militärbehörden drohte 1951 zu eskalieren, als Gwerder sich kategorisch weigerte, an den obligatorischen „Wiederholungskursen“ teilzunehmen.