Die neue Ära hat begonnen, und gleich in seiner ersten eigenen Premiere, Wagners „Parsifal“, hat Daniel Barenboim gezeigt, daß er es ernst meint mit seiner Ankündigung, die Berliner Staatsoper Unter den Linden wieder zu einem führenden Haus in der Opernwelt machen zu wollen. Freilich: Der so ehrpusselige wie selbstbewußte „Künstlerische Leiter und Generalmusikdirektor“ wird gleich auch die Warnzeichen wahrgenommen haben, die ihm die vorläufigen Grenzen des Wachstums signalisierten.

Bereits vor dem ersten Orchestereinsatz gibt Hans Schavernochs Bühne ein erstes Rätsel auf: Der Portal ist umgeben mit schwarzen Rahmen-Flächen, die vor die Proszeniumslogen bis an den Rand des Orchestergrabens heruntergezogen sind: Wir blicken auf einen überdimensionalen Fernsehschirm. Die Oper, genauer: das Bühnenweihfestspiel als elektronisches Spektakel?

Es bleibt beim High Tech allein der Bilder. Der „Wald, schattig und ernst, aber nicht düster“, ist inzwischen abgeholzt und durch ein silbrig-metalliges Gemäuer ersetzt, in dessen einer Wand eine runde schwenkbare Tür zu betätigen ist, der Schleusenverschluß einer Weltraumfähre vielleicht oder, wahrscheinlicher, die absolut sichere Panzertür eines Tresors. Wer sichert hier was wogegen? Befinden wir uns im Tresor oder außerhalb? Strenggenommen werden diese beiden Fragen den ganzen Abend über nicht beantwortet. Vielleicht lassen sie sich ja auch nicht beantworten: Wer weiß schon, von welchen geheimnisvollen Mächten er eingeschlossen, eingekerkert ist!

Die Wände können je nach Notwendigkeit verstellt, in sich gedreht, neu kombiniert werden, reflektieren ein gleißend helles Licht, das von der Seite eingestrahlt wird, oder lassen eine Fülle von Glimmlämpchen erglühen in jenem mystischen Lila wie die Fenster in der Berliner Gedächtniskirche. Aber weder die Stellung der Wände noch ihre Bewegungen verraten Gründe, Motivationen, Sinnzusammenhänge. Die Lichtgraphik auf den geriffelten Wänden wird zum optischen Selbstzweck, die Architektur zum räumlichen Allerlei, die Szene damit zur Beliebigkeit. Ihr einziges Postulat heißt: Schick.

Bevölkert wird die Bühne einerseits durch junge Damen und etwas reifere Herren in modisch gestylten Gewändern (Entwürfe von Christine Stromberg), zum anderen durch einen bärtigen und langhaarigen Johannes-der-Täufer-Ersatz. Später kommen Herren in den feinen Mänteln einer Offiziers-Ausgehuniform hinzu, eine Dame im Reisedreß einer Nomadin, Bedienstete einer psychiatrischen Klinik und deren offenbarer VIP-Patient, der wiederum getragen wird auf einem feuerverzinkten Metall-Gestell-Thron. Am Ende des ersten wie des dritten Aktes schließlich nehmen wir teil am Mut-Mache-Konvent eines ziemlich ramponierten Fähnleins der siebzig nicht mehr Aufrechten, Anhängern offenbar eines obskuren Mysterienkultes oder schlicht nur von Drogenabhängigen – denen freilich eine kleine Laser-Show schon zur halluzinatorischen Befriedigung reicht.

Wer sind diese Herrschaften? Was verrät ihr Gehabe? Zu was treffen sich diese „Ritter“? Warum gieren sie nach der „Enthüllung“ des hinter einem schwarzen Schleier verborgenen leeren Stiel-Glases? Ist das Ritual eine Ersatzbefriedigung derer, die ihre Triebe in den Tresor einer verklemmten Moral eingeschlossen haben? War es „nur“ ein sexuelles Sich-vergessen-Haben, weswegen der armselige Typ da sich auf einer Art Schwebebalken herumquält, bevor er die Vase in den rötenden Strahl hält – der dann, bei geschickter Drehung des Körpers, auch „die Wunde“ an seiner Flanke „erbluten“ läßt? Was ist mit dem Heiligen, dem Mysterium? Was mit dem „Erlösung dem Erlöser!“? Lauter Fragen ohne Antworten. Vor fünfzehn Jahren inszenierte Harry Kupfer an gleicher Stelle das gleiche Stück – und entwickelte daraus eine Kontroverse zwischen der Machtinstitution „Kirche“ und der Humanitas. Da steckte Pulver drin. Haben sich mit den „Zeiten“ auch die künstlerischen Notwendigkeiten, mit dem politischen System auch die intellektuellen Orientierungen geändert? Vor zehn Jahren, zur Hundertjahrfeier des „Parsifal“, waren die Wellen hoch gegangen: Antisemitismus? Antichristlich? Eine neue Religion? Harry Kupfer hat jetzt alle Theologen rigoros ausgeladen: Nichts bitte über Kult oder Ritus, nichts gar über Eucharistie, nichts über das Numinose! Das wäre nicht tragisch, ließe sich diskutieren – wenn er eine Alternative anböte. Es mag ja an mir liegen, aber: Mir ist nicht klargeworden, was Harry Kupfer denn nun will.

Vielleicht doch nur durchpsychologisierte „Personenregie“? Da in der Tat, in der Ausformung der kleinen gestischen Momente, leistet er Beachtliches. Daß beim „Rittergezücht“ manches im argen liegt, menschliche Eifersüchteleien vorkommen und die kleinen versteckten Bosheiten, läßt Harry Kupfer uns schnell sehen, etwa im Verhalten zweier Knappen, die aus Fragen Hinterhältigkeiten machen, ihre Aggressionen abreagieren, ihre Komplexe kompensieren. Klingsor kann seine Sexualneurosen kaum verbergen, seine Brutalität nicht kontrollieren – Günter von Kannen zeigt die psychische Nähe dieser Figur zum Alberich auf mit einer theatralischen wie musikalischen Glanzleistung.