Die Tendenz am deutschen Aktienmarkt wird gegenwärtig von weiteren Zinssenkungshoffnungen einerseits und den wachsenden konjunkturellen Sorgen andererseits hin- und hergerissen. Einen Dämpfer erhielten die Optimisten durch das Herbstgutachten der Forschungsinstitute, die ihre Wachstumsprognosen für 1992 und 1993 deutlich zurückgenommen haben. Damit sehen sich die Wertpapieranalysten der Kreditinstitute in ihren negativen Gewinneinschätzungen für diese beiden Jahre bestätigt.

Eine andere Frage ist, ob die reduzierten Gewinnprognosen in den jetzigen Kursen schon enthalten sind. Vor allem ausländische Wertpapierexperten halten zahlreiche deutsche Aktien noch für zu teuer und drängen ihre Kunden zum Verkauf. Das war in den vergangenen Tagen etwa bei Mannesmann der Fall. Mit einem Kursverlust in diesem Jahr von rund elf Prozent war der Mannesmann-Kurs bisher noch vergleichsweise gut über die Runden gekommen.

Bei Thyssen macht die Kurseinbuße seit Jahresbeginn schon mehr als zwanzig Prozent aus. Ein Ertragseinbruch des Unternehmens gilt als sicher; Pessimisten sprechen sogar von einem Totalausfall der Dividendenzahlungen. Besonnene Börsianer gehen allerdings nur von einer Dividendensenkung aus. Zu befürchten ist, daß der Thyssen-Kurs angesichts der bevorstehenden Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie seinen Leidensweg noch fortsetzen wird.

Etwas verspätet reagierten in diesen Tagen die Bauaktien auf die gesunkenen Zinsen. Das liegt nicht zuletzt daran, daß kein Bauunternehmen mit seinen Aktien im Deutschen Aktienindex (Dax) vertreten ist und deshalb auch nicht von den dort vorhandenen spekulativen Möglichkeiten profitieren kann. Die Baugesellschaften gehören zu den wenigen deutschen Unternehmen, die mit steigenden Gewinnen aufwarten werden.

Zu einer Sonderbewegung kam es in jüngster Zeit bei den Aktien der Volksfürsorge. Sie konnten im vergangenen Juli zum Preis von 800 Mark gezeichnet werden, fielen dann bis 380 Mark, haben sich jetzt aber auf knapp 450 Mark erholt. Die Aktien waren im vergangenen Jahr schlecht oder nicht vollständig plaziert worden. Die Berenberg Bank in Hamburg will wissen, daß der Plazierungsdruck nun ausläuft, und meint gleichzeitig, die Volksfürsorge-Aktie sei die niedrigst bewertete Versicherungsaktie überhaupt. K. W.