LIEBEROSE. – „Können Sie sich etwas Romantischeres vorstellen, als in Lieberose zu heiraten?“ Der Gesichtsausdruck des Berliner Stadtplaners Mark Steinmann verrät, daß das eheliche Jawort und der kleine Ort im brandenburgischen Kreis Beeskow für ihn ein unzertrennliches Begriffspaar sind. Er ergriff nach dem Fall der Mauer selbst die Gelegenheit, um in den mittelalterlichen Mauern das ewige Versprechen abzugeben. Der Mittdreißiger wollte Vorbote eines Hochzeitstourismus sein, damit die in der Hauptstadt angesammelten Brautgroschen in den Ort am Nordrand des Spreewaldes gelenkt werden.

Aber Steinmann war nicht der einzige, der sein Herz an Lieberose verlor. Auch Bundesverteidigungsminister Volker Rühe weiß die stillen Reize der Gegend zu schätzen. Auf fast 27 000 Hektar, die seit 1943 erst der Waffen-SS und dann der nunmehr abgezogenen Roten Armee für Schießübungen mit großen Kalibern dienten, sollen nach den Vorstellungen der Hardthöhe künftig Leoparden rollen und auf die stählernen Panzerwracks schießen, die zwischen den Dünen der Sandwüste an alte Zeiten erinnern.

In ihrer Kreisstadt Beeskow sind die Lieberoser dafür bekannt, daß ihnen erst der Himmel auf den Kopf fallen muß, bevor sie ihren Unmut an die Öffentlichkeit dringen lassen. Während in Wittstock Bürgermeister, Mütter und Männer gegen den geplanten Bombenabwurfplatz der Luftwaffe demonstrierten, wurde in Lieberose friedvoll diskutiert, ob die Ermittlung von Volkes Wille Aufgabe der Gemeinde oder Sache einer Bürgerinitiative sei. Doch zur Gründung einer solchen Initiative kam es erst gar nicht. Als Bundeswehrvertreter den Gemeinden rund um den Übungsplatz nahelegten, ihre Forderungen an den Bund aufzulisten, setzte sich die Lieberoser Stadtverwaltung an die Spitze der Bewegung. Sie entsandte ihre Gesamtschüler, um nach dem Wunsch der Bürger zu forschen. Von 400, die die Helfer antrafen, waren 65 Prozent gegen die Bonner Pläne.

Als die Schüler allerdings im Nachbarort Jamlitz, dem gleichfalls Kanonaden drohen, anrückten, wurden sie von Gemeindevorsteher Wolfgang Pfeiffer kurzerhand hinausbefördert. Die Gemeindeväter hatten ihr eigenes Urteil gefällt. In zehn Punkten verlangten sie vom Bund unter anderem, daß er ein Verkehrskonzept und ein Gutachten über den zu erwartenden Schießlärm nachreichen soll. „Wenn wir die militärische Folgenutzung des Übungsplatzes schlichtweg abgelehnt hätten“, glaubt Pfeiffer, „wären wir zumindest einem Teil unserer Bürger nicht gerecht geworden.“ Pfeiffer denkt an Arbeitslose, Umschüler und ABM-Kräfte, die in der Region fast vierzig Prozent der Bevölkerung stellen, und an heimische Unternehmen, die sich vom Schießplatz prallere Auftragsbücher versprechen. Mit 200 Arbeitsplätzen, Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe und Folgeaufträgen für Handel und Handwerk versprach Bonn den Aufschwung Ost auf die Übungsplatzwüste zu bringen, so daß auch auf Jamlitz einige Brocken abfielen.

Burkhard Teichert, Jamlitzer Historiker mit ABM-Stelle, ist es zu verdanken, daß inmitten des Zukunftstaumels auch die Vergangenheit auftauchte. Von 1945 bis 1947 saßen im sowjetischen NKWD-Internierungslager Jamlitz insgesamt 12 000 bis 14 000 Menschen ein, von denen 5000 nicht überlebten. Zuvor diente die verschwiegene Heide als Konzentrationslager Lieberose, ein Außenlager des KZ Sachsenhausen. „Wer ist berechtigt, die Ruhe der Toten zu stören?“ fragte Teichert, schreckte damit die Bundeswehr auf und ließ die Gemeindevertreter fürchten, die verheißenen Arbeitsplätze zu verlieren. Um die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen, forderte der Gemeinderat seinen ABM-Mann auf, sich mit Rücksicht auf die Lebenden zurückzuhalten. Er einigte sich mit dem Bund, daß das Umfeld des Internierungslagers entmilitarisierte Zone werden solle. Daß auf dem Übungsgelände dennoch weitere Massengräber liegen, vermag weder die Bundeswehr auszuschließen noch das Beeskower Landratsamt. Vor zwei Jahren begonnene Suchgrabungen mußte es nach kurzer Zeit aus Geldmangel wiedereinstellen.

Gaben sich die Militärs auch Mühe, den Anschein der Geschichtslosigkeit zu vermeiden, so zeigten sie für das Vorhaben von Dietmar Irmer, dem Vorsitzenden des brandenburgischen Musikschulverbandes, nur geringes Interesse. Mit Unterstützung von Kunst- und Musikverbänden aus Deutschland, Österreich und Polen möchte Irmer im Schloß Lieberose die „Euro-Akademie für musisch-kulturelle Bildung“ aufbauen, um die Ausbildungsgänge der isolierten Kunstsparten zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuführen. Für Irmer ist diese Akademie an der Grenze zu Polen eine Herausforderung an den Nationalismus, wie er sich in Jugoslawien und in Brandenburg zeigt. Der größte Truppenübungsplatz Deutschlands könnte da allemal entgegengesetzte Zeichen setzen. „Es ist ein Wahnsinn“, befindet Irmer. „Wir arbeiten für ein friedliches Zusammenwachsen der Völker, und wenige Kilometer weiter wird der Ernstfall geprobt.“ Auch Irmer glaubt nicht daran, daß die eigenwilligen musischen und touristischen Pläne für Lieberose Minister Rühe davon abhalten werden, die Panzer in den märkischen Sand zu schicken. Dennoch bleibt er zuversichtlich: „Unsere Akademie wird noch arbeiten, wenn es die Bundeswehr schon lange nicht mehr gibt.“ Henning Tegner