Die Pläne, das Interrail-Ticket abzuschaffen, sind vorerst vom Tisch. Somit können auch 1993 junge Leute mit dem Billigbillett im Zug durch Europa reisen. Der Spaß wird freilich um fast zwanzig Prozent teurer.

Nicht mehr lediglich 510, sondern voraussichtlich rund 600 Mark müssen die „Interrailer“ vom 1. Januar kommenden Jahres an für das Bahnticket berappen. Ansonsten ändert sich zunächst nichts. Die Karte für Leute unter 26 ist weiterhin einen Monat lang europaweit gültig. Darauf haben sich die Generaldirektoren der 26 am Interrail-Verbund beteiligten Bahngesellschaften auf einer Konferenz in Warschau geeinigt.

Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Marokko, die gedroht hatten auszusteigen, wurden durch die geplante Preiserhöhung besänftigt. Die südeuropäischen Staaten hatten moniert, daß sie am Interrail-Geschäft zuwenig verdienten, gleichzeitig jedoch die Masse der zumeist mit dem Rucksack Reisenden verkraften müßten.

Doch das drohende „Aus“ des preiswerten Interrail-Tickets hatte auch das Europäische Parlament auf den Plan gerufen. Es forderte in einem gemeinsamen Antrag von linken und grünen Fraktionen die Eisenbahnunternehmen der EG-Mitgliedsstaaten auf, die preiswerte Fahrkarte beizubehalten. Das Interrail-Abkommen stelle nach Ansicht des Europäischen Parlaments einen „Eckpfeiler des europäischen Integrationsgedankens“ dar und bringe zudem Leute dazu, mit der Bahn zu fahren.

Allein im vergangenen Jahr haben 360 000 junge Europäerinnen und Europäer mit dem Interrail-Ausweis den alten Kontinent bereist. Ob sie dies zu gleichen Konditionen auch nach 1993 tun können, ist momentan noch offen. Nach Auskunft der Deutschen Bundesbahn (DB) stehen weitere Verhandlungen an. Knackpunkt wird dabei die finanzielle Verteilung der Einnahmen sein, bestätigte DB-Sprecher Gerhard Scheuber.

Bisher wurden die Erlösanteile der Länder je nach Kilometern des jeweiliger Streckennetzes und der voraussichtlichen Interrail-Fahrgäste errechnet. Doch obwohl sich die Staaten im Süden Europas dank der hohen Besucherzahlen ein großes Stück vom Interrail-Kuchen abschneiden konnten, verdienten sie weniger als die Eisenbahngesellschaften in Nord- und Mitteleuropa.

Denn das Geschäft machen sie nicht durch den Anteil am Verkauf der Inteirail-Tickets. Lukrativ ist vielmehr der Absatz von preisreduzierten Fahrkarten, mit denen die „Interrailer“ bis an die Grenzen ihres Heimatlandes reisen müssen, denn erst ab dort gilt die Interrail-Karte. Da in der Bundesrepublik, den skandinavischen Ländern und Großbritannien die meisten „Interrailer“ starten, der Anteil der Südeuropäer jedoch viel niedriger ist, rechnet sich das Interrail-Geschäft vor allem für die nordeuropäischen Eisenbahnunternehmen: Die Deutsche Bundesbahn hat dadurch im vergangenen Jahr immerhin rund 60 000 Hin- und Rückfahrkarten zusätzlich verkauft. Brigitte Spitz