Von Christiane Peitz

Kinosaal, innen, Nacht. Stimme, weiblich: "Was is’n das für’n Film?" Stimme, männlich: "Ein Film über Deutschland." Stimme, weiblich: "Ich hab schon gedacht, es ist ein ernster Film." Kinosaal, innen, Gelächter.

Ein Vorspann, zweimal Kino, Thema Bundesrepublik. Dreißig Jahre und ein Nachmittag. Einmal Nummernrevue, einmal Chaosforschung: "Wir Enkelkinder" von Bruno Jonas und "Langer Samstag" von Polt-Regisseur Hanns Christian Müller stellen die Welt der Komödie auf den Kopf. Der Kabarettist schließt Frieden, der Filmemacher führt Krieg. Um es vorweg zu sagen: Vor diese Wahl gestellt, werde ich Bellizist.

Nach dem ironischen Vorspiel hält Bruno Jonas Märchenstunde: Achtundsechzig, zu kurze Cordjacken, Maobibel, Uni-Mensa, Kommune 1. Clearasil und die Lenorfrau, Ashram in Poona, Feminismus, Berufsverbot, Latzhosen. Kohl, Stoiber, Barschel und noch mal Kohl – Jonas zählt auf, führt vor, klappert ab.

Stationen im Leben eines Apo-Opas, Schulstunde im Imperfekt, fein säuberlich sortiert: Es war einmal, und es war doch ganz nett. Stammheim ist ein Slapstick mit Strick, das Nacktfoto der Kommunarden ein Witz über abzutrainierende Pfunde, der Marsch durch die Institutionen ein Klospruch in der Herrentoilette des BR. Jonas alias Ulli, mittlerweile zum Redakteur befriedeter Exrevoluzzer, kritzelt da heimlich mit Filzer: "Hier verlassen Sie den demokratischen Sektor des Bayerischen Rundfunks."

Auch der Film traut sich höchstens heimlich. Im lockeren Bilderreigen entschärfen die Pointen sich gegenseitig, den Boden des Grundgesetzes verlassen sie höchstens im Fahrstuhl. Dort trifft Ulli auf den Intendanten (Dieter Hildebrandt), der um Stellungnahme zum gestern abgesetzten "Scheibenwischer" bittet: eine Fangfrage. Ansonsten wird die Chronik der Ereignisse durch den humorigen Off-Kommentar in gehörige Distanz gerückt. Nicht mal die CSU wird beim Namen genannt und zur CLU verballhornt – München, wie es singt und lacht.

"Wir Enkelkinder" ist ein Wie-Film. Mal sieht Ulli aus wie Che Guevara, mal wie Rudi Dutschke, meist aber, rundliches Gesicht, kindliches Gemüt, wie der nette Linke von nebenan. Freund Willi, der Schulkamerad mit straighter Karriere über Anwaltskanzlei und Landtagskandidatur bis zum Tod in der Badewanne, macht als Politiker eine Möllemann-Figur: eine Verkleidungsnummer. Noch der Agitprop krankt am öffentlich-rechtlichen Touch.