Von Sabine Etzold

Ein Ort, an dem sich Wissenschaftler im Kreise Gleichgestimmter in Ruhe ihrer Forschung widmen können – welcher Prof würde davon nicht träumen? Frei von Lehrverpflichtungen, Zeitzwängen oder finanziellen Engpässen ein Projekt verfolgen, ein Buch schreiben oder vielleicht auch nur einen Gedanken zu Ende denken können: Das sind Vorstellungen, die dem ebenso atemlosen wie schwerfälligen Wissenschaftsbetrieb hierzulande sehr fremd geworden sind. In einer Zeit, in der erbittert um Drittmittel gekämpft wird, in der Wissenschaft "gesellschaftliche Relevanz" und wirtschaftliche Effizienz nachzuweisen hat, sind Forscheroasen alles andere als populär.

Und doch hat sich in Deutschland eine solche Oase nicht nur bilden, sondern seit über zehn Jahren auch halten können: das Wissenschaftskolleg in Berlin (ZEITmagazin Nr. 44). Es gewann inzwischen so viel Ansehen, daß es zur "Keimzelle" eines noch gewagteren Experiments geworden ist. Anfang Oktober wurde in Budapest ein zweites Kolleg gegründet.

Wenn Wolf Lepenies, Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs und Urheber der Budapester Neugründung, erzählt, wie die Idee verwirklicht wurde, klingt das nonchalanter, als es gewesen sein kann. Ende der achtziger Jahre begann der Zug osteuropäischer Forscher in Richtung Westen bedrohlich zu werden. Die dortige Wissenschaftslandschaft geriet in Gefahr zu veröden. Damals kam Lepenies die Idee, diesem Trend mit einem Wissenschaftskolleg entgegenzuwirken. Ein Wagnis – denn der Gedanke, ein solches Institute for Advanced Studies, das eine gefestigte Tradition eigentlich nur in den Vereinigten Staaten hat, ausgerechnet im wissenschaftszentralistischen Osten zu etablieren, ist noch kühner, als er zehn Jahre zuvor schon in Berlin war.

Der Standort Budapest ergab sich eher zufällig – aus einem Gespräch mit einem ungarischen Kollegen, der von dem Plan genauso begeistert war wie Lepenies selber. Allerdings war das Jahr 1989 auch günstig, um Förderer und Geldgeber zu finden. Die Bereitschaft, sich für den Osten zu engagieren, war groß. "Heute würde es wohl nicht mehr gelingen", meint Lepenies und präsentiert eine stattliche internationale "Spendenliste".

Die französische Regierung steuerte 1,5 Millionen Mark bei, die Schweiz 900 000 Mark. Die Überzeugungskraft, die er gehabt haben muß, um diese beiden Länder für ein Projekt zu gewinnen, das sie nicht selber initiiert haben und an dem sie auch nicht direkt beteiligt sind, läßt sich nur ahnen. Auch Österreich (700 000 Mark) und die Niederlande (250 000 Mark) sind dabei, außerdem die Thyssen-Stiftung mit dem größten Betrag von 3,6 Millionen Mark, die Volkswagenstiftung mit 925 000 Mark und etliche Geldgeber mehr. Die 13,5 Millionen Mark, die auf diese Weise zusammengekommen sind, reichen aus, um das Kolleg für die nächsten fünf Jahre zu finanzieren.

Das Budapester Kolleg legt besonderen Wert auf die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern. Neben den acht senior fellows, die zum Teil aus den Vereinigten Staaten, aber auch aus Ost- und Westeuropa kommen, wurden für das erste Kolleg-Jahr auch sechs junge ungarische Wissenschaftler aufgenommen. Rektor des Kollegs ist der Jurist Lajos Vekas, der bisher an der Spitze der Universität Budapest stand. Als Träger des Instituts, das offiziell Collegium Budapest heißt, tritt in der Gründungsphase die Wissenschaftsstiftung Ernst Reuter auf.