Hans Küngs neues Buch heißt „Credo“. Er erklärt darin seinen Glauben anhand der Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Vorweg: Küngs Stärke liegt in seiner Fähigkeit, dem Zeitgenossen die Formeln aus dem ersten halben Jahrtausend der Christenheit über alle historischen und inhaltlichen Distanzen hinweg zu vermitteln. Diese Begabung ist selten geworden. Die Kirchen leiden am Defizit einer zeitgemäßen Vermittlung ihrer Botschaft. Küng leistet auch ihnen einen Dienst, trotz dogmatischer Abweichungen und trotz amtlicher Ausgrenzung, deren Martyriumseffekt seiner Glaubwürdigkeit eher dienen dürfte.

Dabei hält Küng sich nicht nur an die Formeln des Credo – „an einer völlig diffusen, gar konfusen Frömmigkeit kann ja niemand interessiert sein“ –, er greift sogar das in der Katechese altgewordene Frage-und-Antwort-Spiel auf. Der imaginierte, kritische Zeitgenosse fragt, Küng antwortet. Der Frager, so stellt sich Küng seinen Leser vor, weiß etwas von Religionskritik, von Nietzsche, Marx, Freud, und von Naturwissenschaften, Tiefenpsychologie und Esoterik, er liest Drewermann und entdeckt Sympathien für Krischna und Buddha. Beileibe kein Experte, sondern ein sich Informationen und Trends aussetzender Mensch. Küng empfindet mit ihm. Denn er, der Theologe, ist auch Zeitgenosse, will es ständig sein, kein Schatten von Anachronismus liegt auf seinem Glauben.

Dieser Glaube gibt sich entsprechend ökumenisch, ökologisch, feministisch, ist aber nie radikal. Er ist ein „Akt vernünftigen Vertrauens“. Gottes Existenz ist nicht bewiesen, aber „auch die Existenz eines Nichts läßt sich nicht beweisen“. Was die Lehren der Naturwissenschaften angeht: „Der Gottesglaube ist mit verschiedenen Weltmodellen vereinbar.“ Und so fort. Alles ganz vernünftig.

Es wäre unsinnig, von dem Buch exklusiv Neues zu erwarten oder die aktuellste Debatte zwischen Theologie und Atheismus. Es geht im guten Sinne um einen „Kleinen Katechismus“ für den Nicht-Theologen, gar nicht so weit entfernt von Joseph Ratzingers Versuch einer „Einführung ins Christentum“ (1968). Mögen die Autoren heute Welten zwischen sich liegen sehen, die ins Auge gefaßten Leser werden nur Nuancen entdecken. Strittige Themen wie „Jungfrauengeburt“ und „leeres Grab“ werden zwar nicht als Fakten gleich behandelt, aber in ihrer Bedeutung im Glaubensgefüge ganz ähnlich gesehen.

Freilich bleibt, auch das ist Zeitgenossenschaft, bei Küng vieles im Einerseits und Andererseits. Einerseits: „Man kann nur froh sein, wenn es Drewermann gelingt, mit Hilfe der Tiefenpsychologie – und auf dem Hintergrund des schon längst historisch-kritisch aufgearbeiteten Materials der vergleichenden Religionsgeschichte – die biblischen Erzählungen manchen Zeitgenossen verständlicher zu machen.“ Andererseits: „Sind in der Bibel Gottes Offenbarungen insgesamt nicht doch mehr an geschichtliche Ereignisse denn an Träume gebunden?“

Es ist gut, im Disput um Drewermann der Tiefenpsychologie als einer Methode biblischer Interpretation zuzustimmen und gleichzeitig auf historischer Wahrheit zu beharren. Aber das Hin- und Herwägen gerät schwach im Kapitel „Testfall der Theodizee-Frage: Gott in Auschwitz?“. Da steht gleich zu Beginn: „Eine theoretische Antwort auf das Theodizee-Problem, scheint mir, gibt es nicht!“ Was sollen aber die folgenden Sätze: „Wenn Gott existiert, dann war Gott auch in Auschwitz.“ Und „Als ob an solchem Leid nicht auch alle ungläubige Ratio ihre Grenze hätte!“. Eine Theologie steht nun einmal weit mehr in der Pflicht als ein Atheismus, einen letzten Sinn zu suchen, gerade wenn die Vernunft versagt. Wenigstens die schreckliche Verlegenheit oder das existentielle Ringen muß sie sich leisten. Aber da ist Küngs Vorschlag einer „Theologie des Schweigens“ nur eine nette Formulierung, die über die Not hinwegtäuscht.

Überhaupt bleibt in diesem Kapitel, genau in der Mitte des „Kleinen Katechismus“, alles zu wohldosiert. Was Küng seinen Lesern an bohrenden Fragen zumutet, ist gut zu verkraften. Es fehlt die Schärfe, es fehlt auch eine überzeugende emotionale Kommunikation zwischen Autor und Leser. „Leiden und Hoffnung gehören für die Schrift unlösbar zusammen!“ Auch das Ausrufezeichen verleiht der Aussage keine Dramatik. Küng macht es sich (und dem Leser) zu leicht, wenn er dann einen „mittleren Weg“ anbietet, den „Weg des unerschütterlichen, nicht irrationalen, sondern durchaus vernünftigen grenzenlosen Gottvertrauens“. Es vernünftelt in einer historischen und situativen Distanz zu „Auschwitz“, das doch, als Chiffre, für viele gegenwärtig erlittene Realität ist.