Von Klaus-Peter Schmid

Den Haag

Keine Interviews, keine Phototermine, keine Festivitäten. Ruud Lubbers hat offensichtlich etwas gegen Geburtstagsfeiern. Am 4. November steht er genau zehn Jahre an der Spitze der niederländischen Regierung und will sich partout nicht bejubeln lassen. Er wird am Mittwoch wohl wie üblich sein Büro in einem Turm des alten Haager Regierungs- und Parlamentsgebäudes aufsuchen, sich an seinen aufgeräumten Schreibtisch setzen und eine Klarsichthülle nach der anderen abarbeiten. Denkbar wäre auch, daß er den Hockeyschläger aus dem Schrank holt und sich mit Freunden zu einem Match trifft. Aber bitte ohne Fernsehkameras.

Ein überraschender Mann, dieser 53 Jahre alte Rudolphus Franciscus Marie Lubbers. Es gebe nichts zu feiern, hat er wissen lassen. Calvinist ist er nicht, aber doch ein weltlichen Genüssen eher abgeneigter Katholik. "Wahrscheinlich sind für ihn zehn Jahre eine rein willkürliche Periode in seinem Leben", sinniert der ehemalige Außenminister Norbert Schmelzer. Elco Brinkman, Fraktionschef der Christdemokraten und designierter Lubbers-Nachfolger, sieht es ähnlich: "Lubbers versteht sich nicht als Besitzer seines Amtes, sondern sein Amt ist sein Beruf."

Gesundes Verhältnis zur Macht

Es sieht ganz so aus, als gehöre bei Lubbers zum gesunden Selbstbewußtsein auch ein gesundes Verhältnis zur Macht. Das ist beachtlich für einen politischen Oldtimer seines Schlages. Schon mit 34 war er Wirtschaftsminister, mit 43 Regierungschef, seit zehn Jahren führt er wechselnde Kabinette und Koalitionen. Heute schon hat er sich festgelegt, sein Amt mit den Parlamentswahlen von 1994 aufzugeben. Einen "Geschäftsmann in der Politik" hat man Lubbers genannt, und als solcher will er offensichtlich aufhören, bevor sein politisches Kapital gefährdet ist.

Wie hält sich ein Mann, der weder ein Ellbogentyp noch ein Aussitzer ist, zehn Jahre lang an der Macht? Die meistgenannte Antwort in Den Haag heißt: mit Hilfe der "Methode Lubbers". Dazu fällt den meisten zuerst das Adjektiv "intelligent" ein. In jeder Biographie des Premiers steht zwar, daß er einmal in der Schule sitzengeblieben ist, doch das scheint ihn nicht geprägt zu haben. Die Jesuiten, die seine Lehrer waren, förderten sein analytisches Talent. Lubbers sei so kreativ, beteuert Exminister Schmelzer, "daß ihm zu einem Problem immer drei oder vier Lösungen einfallen".